Die Zeit heilt alle Wunder.

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Manchmal fragt man sich, ob es noch Wunder gibt. Vielleicht ist es eher die Fähigkeit sie zu erkennen, denn eigentlich ist die Welt voll davon. Eines davon ist für mich definitiv die Anpassungsfähigkeit des Körpers. Dieses Konglomerat an Zellen, das sich an nahezu alle Widrigkeiten, gutes und weniger Gutes anpassen kann. Im Fokus meiner Beobachtung steht die Metamorphose meines Gesäßes, die ziemlich genau nach drei Wochen vollzogen ist. Solange würde ich sagen braucht ein durchschnittlicher Bürohintern, um sich von den Irritationen einer täglichen Dosis von etwa vier bis sechs Stunden im Fahrradsattel zu erholen und einmal neu bezogen zu werden. Bis dahin bleibt nicht viel außer achtsam ausharrend die Sitzposition in Millimeter Schritten zu verändern, um sicher zu stellen, dass alle Zellen gleichmäßig auf Tuchfühlung gehen und die frohe Kunde der Veränderung mitbekommen. Für mich hat sich gezeigt, dass weniger Tuch definitiv mehr ist, weswegen Radhosen und dergleichen schon seit Jahren in meinen Taschen vergeblich zu suchen sind. Gut durchblutet erlebe ich die in meiner Erinnerung heißeste Periode seit langem auf den wohlig warmen Straßen der Champagne in Nordfrankreich, wo es besonders eines gibt: Landschaft. Weiterlesen

Unten am Fluss.

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Dem Geheimweg der Butterländler durch Belgien folgend, erreiche ich an einem durchaus sommerlichen Augusttag Liège (gespr. Lieähsch) und mache dort Bekanntschaft mit dem Fluss Meuse (gespr. Mööhs), deren Tal mich bis nach Frankreich tragen soll. Das ich die folgenden 1000 Kilometer vornehmlich an Flüssen und Kanälen zurücklegen werde, ist zu dem Zeitpunkt noch ungewiss. Zu Flusse zu radeln bringt gleich mehrere Vorteile mit sich. So haben sich die Wassermassen über Jahrmillionen hinweg durch die Landschaft gegraben und folgen dem Weg des geringsten Widerstandes, was mir momentan sehr entgegenkommt. Außerdem bietet sich je nach Abstand zur örtlichen Industrie und/oder Großstadt auch die Möglichkeit der körperliche Erfrischung und im übrigen sind die Fluss’ler im allgemeinen ein entspannter Schlag Mensch. Nach wenigen Biegungen erreiche ich das umstrittene, in der Abendsonne erstrahlende Atomkraftwerk Tihange (gespr. Tieohnsch). Im Ort dahinter ist Volksfest und wenn man will kann man bei Zuckerwatte, Hau den Luc und Riesenrad auch über die im Hintergrund rauchenden Kühltürme hinwegsehen und sich darüber freuen, dass unsere vielen kleinen und großen elektronischen Helfer Saft zum Leben haben. Weiterlesen

Mit der Telefonzelle durch Butterland.

Man könnte denken ich sollte wissen was es braucht, um den Alltag in vier Taschen zu packen und mit dem Fahrrad längere Strecke zu bereisen. Bin ich denn nicht nach Indien gefahren und habe fast ein Dutzend mal die Alpen auf dem Drahtesel überquert?

Momentan fühlt es sich nicht so an. Ansonsten dürfte dieses Gefährt mit dem Windwiderstand einer Telefonzelle unter meinen Beinen doch nicht so schwer sein. So muss ich schon nach den ersten 20 Kilometern am Dreiländereck, zu meiner Rettung die höchste Erhebung ganz Hollands, auf den Rettungsring (1.Gang) zurückgreifen. Während ich mein Rad Zahn um Zahn über diesen Hügel in Richtung Belgien hieve und mich von elegant rasierten, modisch gekleideten Herren und Damen im aeroben Bereich überholen lasse, stelle ich fest, dass ich Deutschland wie selbstverständlich verlassen habe. Auf dem von mir intuitiv gewählten grünen Grenzübergang, den wohl nur Radfahrer, Spaziergänger und lichtscheues Gesindel nutzen, gab es kein Grenzschild, kein Auf Wiedersehen kein Einreisestempel. Weiterlesen