in Blog, Reiseberichte

Mit der Telefonzelle durch Butterland.

Man könnte denken ich sollte wissen was es braucht, um den Alltag in vier Taschen zu packen und mit dem Fahrrad längere Strecke zu bereisen. Bin ich denn nicht nach Indien gefahren und habe fast ein Dutzend mal die Alpen auf dem Drahtesel überquert?

Momentan fühlt es sich nicht so an. Ansonsten dürfte dieses Gefährt mit dem Windwiderstand einer Telefonzelle unter meinen Beinen doch nicht so schwer sein. So muss ich schon nach den ersten 20 Kilometern am Dreiländereck, zu meiner Rettung die höchste Erhebung ganz Hollands, auf den Rettungsring (1.Gang) zurückgreifen. Während ich mein Rad Zahn um Zahn über diesen Hügel in Richtung Belgien hieve und mich von elegant rasierten, modisch gekleideten Herren und Damen im aeroben Bereich überholen lasse, stelle ich fest, dass ich Deutschland wie selbstverständlich verlassen habe. Auf dem von mir intuitiv gewählten grünen Grenzübergang, den wohl nur Radfahrer, Spaziergänger und lichtscheues Gesindel nutzen, gab es kein Grenzschild, kein Auf Wiedersehen kein Einreisestempel.

belgische_grenze_klein

Für alle, die nicht aus der Region sind, sollte kurz erklärt werden, dass meine Heimat wie ein Triptychon dreier Nationen auf der Landkarte liegt. Will sagen: es treffen sich Deutschland, Holland und Belgien in einem Punkt oder Punt, je nachdem auf welcher Seite man steht. Da ich nach Süden will, habe ich 20 Minuten nach Verlassen von Deutschland schon meine erste Länderdurchquerung hinter mir. Auch Holland ist passé und ich bin kurz geneigt den Fahrradtag zu beenden. Mein erklärtes Ziel für heute ist aber mindestens so viele Kilometer zu fahren wie das Thermometer Grad Celcius hat. Mein Tacho zeigt unter wolkenfreiem Himmel 38°C und irgendwo meldet sich die Erkenntnis längst vergangener Tage im Iran, dass man Hitze am besten mit Fahrtwind begegnet. Also ist klar: es muss weiter gehen.

Bei der Durchquerung des belgischen Butterländchens, wie die Region bezeichnet wird, sammele ich erste Erfahrungen mit der einheimischen Bevölkerung. Beim Versuch mich mit der Landkarte möglichst unauffällig zu orientieren, bietet mir eine Stimme außerhalb meines Sichtfeldes Hilfe an. Trotz meiner höflichen Ablehnung kommt der Fremde näher und schlägt kurzerhand vor, mir einen Geheimweg zu zeigen und mich ein Stück darauf zu begleiten. Und so holpern wir beide, ich mit meiner 60 Kilo Telefonzelle und der nach ein paar Metern schon weniger fremde Markus mit seinem Elektrolastenrad, über eine alte Bahntrasse dahin. Das Ende vom Lied ist, dass ich mitten im Butterländchen mit Kaltgetränk im Garten einer Hof- und Wohngemeinschaft sitze und mich über die netten Menschen freue, die mir das Leben zugespielt hat. Somit endet der Tag auf der Landkarte recht früh bei Kilometer 34,5 und auch die erste Nacht alleine Draußen bekommt etwas Aufschub. Da die nächste Zeit aber wahrscheinlich noch einige lange Tage auf dem Rad und genug kurze Nächte alleine im Wald geben wird, freue ich mich über das kuschelige Gästebett, in das ich nach einem langen Abend am Lagerfeuer fallen darf.

butterländler