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Unten am Fluss.

Dem Geheimweg der Butterländler durch Belgien folgend, erreiche ich an einem durchaus sommerlichen Augusttag Liège (gespr. Lieähsch) und mache dort Bekanntschaft mit dem Fluss Meuse (gespr. Mööhs), deren Tal mich bis nach Frankreich tragen soll. Das ich die folgenden 1000 Kilometer vornehmlich an Flüssen und Kanälen zurücklegen werde, ist zu dem Zeitpunkt noch ungewiss. Zu Flusse zu radeln bringt gleich mehrere Vorteile mit sich. So haben sich die Wassermassen über Jahrmillionen hinweg durch die Landschaft gegraben und folgen dem Weg des geringsten Widerstandes, was mir momentan sehr entgegenkommt. Außerdem bietet sich je nach Abstand zur örtlichen Industrie und/oder Großstadt auch die Möglichkeit der körperliche Erfrischung und im übrigen sind die Fluss’ler im allgemeinen ein entspannter Schlag Mensch. Nach wenigen Biegungen erreiche ich das umstrittene, in der Abendsonne erstrahlende Atomkraftwerk Tihange (gespr. Tieohnsch). Im Ort dahinter ist Volksfest und wenn man will kann man bei Zuckerwatte, Hau den Luc und Riesenrad auch über die im Hintergrund rauchenden Kühltürme hinwegsehen und sich darüber freuen, dass unsere vielen kleinen und großen elektronischen Helfer Saft zum Leben haben.

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Mit gemischten Gefühlen finde ich im Dämmerlicht auf einem Acker am Waldrand mit Blick auf das Atomkraftwerk einen Platz für mein Zelt. Es ist nicht unbedingt das, was man sich für die erste Nacht Draussen wünscht, aber es könnte weitaus schlechter sein. Über die Atomenergie, die Unvernunft meiner Spezies und den Zusammenhang zu meinem fast leeren Handy-Akku falle ich rasch in einen traumreichen Schlaf.

Gefühlte 2 Minuten später reißen mich fremdartige Geräuche in der Nähe des Zeltes aus dem Schlaf. Es raschelt, scharrt und immer wieder höre ich Atemgeräusche, die ich nicht zuordnen kann. Instinktiv schaltet sich mein Überlebensprogramm ein und wägt sekundenschnell zwischen Flucht, Angriff oder tot stellen ab. Mein Körper entscheidet sich ungefragt für Dritteres während mein schlaftrunkener Kopf verzweifelt nach Möglichkeiten sucht, Herr der Lage zu werden. Durchatmen, locker bleiben und runterfahren. Bewaffnet mit meiner Stirnlampe wage ich einen Blick und erkenne in meiner „Einfahrt“ die Silhouette mehrerer Vierbeiner die mit ihrer Schnauze recht ambitioniert den Boden durchackern. Ich versuche mich an meine letzte, und bis dato einzige Begegnung mit einem Wildschwein-Keiler in einem serbischen Nationalpark zu erinnern, kann daraus aber für den vorliegenden Fall keine sinnvolle Strategie ableiten. Damals waren die Karten anders gemischt und mir bleibt nichts, als hoffnungsvoll nach meinem Telefon zu greifen und die weisen Tiefen des Internets um Rat zu bitten. Vollkommen verloren im Fließtext eines Forums, in dem sich scheinbar verwirrte Geister darüber austauschen, wie man Wildschweine mit bloßen Händen erlegt, erstirbt mein Akku und ich verfluche das Hilfsmittel und die Abhängigkeit, in der ich damit lebe.

Vollkommen ausgeliefert bleibt mir nichts als anderes übrig als die geballten 90 Lumen der noch vollen Stirnlampenakkus direkt auf die Störenfriede zu richten. In Kombination mit Klatschen kann ich das Territorium final zurückerobern, komme mir dabei aber etwas albern vor. In der Hoffnung, noch elegantere Methoden zu finden, tauche ich schnell zurück in meine Traumwelt.

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Als die Sonne endlich aufgeht, ist es bereits sieben Uhr und Zeit, um aufzustehen, denn der Tag verspricht nicht minder warm zu werden. Voller Elan und einem Hauch von Rückenweh krieche ich aus meinem Zelt, werfe einen letzten Blick auf die Kühltürme, meinen leeren Handyakku und die Spuren vor dem Zelt und fahre kopfschüttelnd weiter. Die kommenden Tage folge ich stromaufwärts dem Tal der Meuse, die sich Richtung Süden durch die Ardennen schlängelt und passiere nebst weiteren Atommeilern und Industriehäfen vor allem malerische Abschnitte mit viel Grün und netten kleinen Städtchen. Nach ein paar wirklich heißen Tagen in Belgien, die viel besser waren als man im Vorfeld vielleicht erwarten kann, erreiche ich eines Nachmittages den großen Bruder Belgiens und bin in Frankreich, doch davon später mehr.

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