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Die Zeit heilt alle Wunder.

Manchmal fragt man sich, ob es noch Wunder gibt. Vielleicht ist es eher die Fähigkeit sie zu erkennen, denn eigentlich ist die Welt voll davon. Eines davon ist für mich definitiv die Anpassungsfähigkeit des Körpers. Dieses Konglomerat an Zellen, das sich an nahezu alle Widrigkeiten, gutes und weniger Gutes anpassen kann. Im Fokus meiner Beobachtung steht die Metamorphose meines Gesäßes, die ziemlich genau nach drei Wochen vollzogen ist. Solange würde ich sagen braucht ein durchschnittlicher Bürohintern, um sich von den Irritationen einer täglichen Dosis von etwa vier bis sechs Stunden im Fahrradsattel zu erholen und einmal neu bezogen zu werden. Bis dahin bleibt nicht viel außer achtsam ausharrend die Sitzposition in Millimeter Schritten zu verändern, um sicher zu stellen, dass alle Zellen gleichmäßig auf Tuchfühlung gehen und die frohe Kunde der Veränderung mitbekommen. Für mich hat sich gezeigt, dass weniger Tuch definitiv mehr ist, weswegen Radhosen und dergleichen schon seit Jahren in meinen Taschen vergeblich zu suchen sind. Gut durchblutet erlebe ich die in meiner Erinnerung heißeste Periode seit langem auf den wohlig warmen Straßen der Champagne in Nordfrankreich, wo es besonders eines gibt: Landschaft.

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Viele grüne Hügel und saftige Felder, die hier und da von einem Flüsschen durchströmt werden und damit umso sympathischer für mich sind. Auf angeblich einzigartigem Grund werden hier die Trauben angebaut, die dem perlenden Schaumwein und der Region ihren Namen geben. Da ich weder die Zeit, noch den Gusto habe, bleibt es hier und da bei einem Kelch belgischen Bieres und dem besten Getränk, was jemals auf meine Zunge tropfte: Wasser. An guten Tagen brauche ich drei bis vier Liter, wenn gekocht wird etwas mehr.

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Jedoch habe ich nur selten Lust meine kleine Küche aufzubauen, was eher untypisch für mich ist. Ansonsten esse ich so ziemlich alles was meinen Weg kreuzt, denn die Versorgungslage im ländlichen Raum weist erhebliche Lücken auf und mein Appetit ist enorm groß. Die Effizienz der Nahrungsaufnahme versuche ich zu steigern, indem ich mir vorstelle, wie die tägliche Dosis aus ca. zwei Baguettes, einem großen Brie, diversen französischen Blätterteigkreationen, sowie Bananen, Trockenobst, Nüssen und Tomaten direkt in die Renovierung der Sitzfläche und meiner müden Beine fließen.

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Stets auf Kalorien- und Wasserjagd ist das Eis zur einheimischen Bevölkerung auch rasch gebrochen, da sich wahrscheinlich nur selten Fahrzeuge wie meines in die kleinen Dörfer verirren. Mein höfliches Schulfranzösisch regelt den Rest und ich werde zumeist freundlich aufgenommen. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man daran denkt, dass die Generation meiner Großväter und deren Väter in den letzten zwei Weltkriegen hier ganz schön gewütet haben müssen. Oft frage ich mich, welche Geschichten menschlicher Grausamkeiten die riesigen Bäume, unter denen ich nachts Herberge suche, zu erzählen hätten. An diese dunklen Episoden deutsch-französicher Nachbarschaft erinnert in nahezu jeder Ortschaft ein Monument mit Namenslisten der ermordeten und deportierten Franzosen. Und vielleicht ist es ja auch ein kleines europäisches Wunder, denn wir leben kein Jahrhundert später friedlich miteinander, was vielleicht nicht unbedingt selbstverständlich ist. Mit diesem Gedanken fahre ich weiter in Richtung Süden, vorbei an Paris, um mein Europa in friedlicher Mission zu erobern.

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