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Von Horst und Heike, dir und mir.

Vielleicht fragst du dich, wie es ist unterwegs zu sein. Ob es feste Rituale oder sogar so etwas wie Alltag gibt. Wer oder was meinen Weg kreuzt und wie mich das verändert. Gerne nehme ich dich ein paar Meter mit.

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Irgendwo im Herzen Frankreichs beginnt mein Tag mit dem Versuch, die verbliebene Kälte einer spätsommerlichen Nacht mit einem Kaffee zu vertreiben, aus dem irgendwie zwei geworden sind. Endlich auf dem Rad, fallen mir nach wenigen Kilometern Schilder ins Auge, die auf einen Bauernhof mit Obstverkauf hinweisen und ich folge dem Gefühl, dass es sich lohnen könnte dort vorbeizufahren. Vor Ort ist Selbstbedienung angesagt, Himbeeren pflücken für sechs Euro das Kilo. Ich bleibe bei 200g und suche im Bauernhaus nebenan nach einer Möglichkeit meine Rechnung zu begleichen. Der junge Landwirt wiegt die Ware, füllt meine Flaschen auf und schenkt mir noch zwei Eier aus eigener Produktion. Wir kommen ins Plaudern und ich erfahre, dass der erst 21-jährige gebürtige Franzose mit englischen Eltern in Kürze den Hof übernehmen wird. Ich bewundere den Mut des Jungen und frage ihn, wie zufrieden er mit sich und der Welt ist und ob es etwas gibt, wovon er träumt. Er erwidert, schon immer von diesem einfachen Leben geträumt zu haben, von der Freiheit einen eigenen Hof zu bewirtschaften, draußen zu sein und mit den Händen und mit dem Kopf zu arbeiten, auch wenn das oft so ganz anders ist als die romantische Vorstellung von einem Leben auf dem „Bauernhof“. Knappe zwei Stunden später verlasse ich den Hof mit einer handgemalten Wegbeschreibung zum 15 Kilometer entfernten Badesee. Ein Geheimtipp, der nur unweit vom nächsten Dorf entfernt liegt, in dem ich ohnehin meine Vorräte auffüllen wollte. Ich fahre weiter, die Mittagssonne steht bereits hoch und ich trete mit Vorfreude auf das kühle Nass in die Pedale, denke an den jungen Landwirt, der einen so glücklichen Eindruck gemacht hat.

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In Gedanken versunken nehme ich auf der kaum von Autos befahrenen Straße ein fremdes Geräusch war, das ich als Gangwechsel einer elektronischen Rennradschaltung erkenne. Kurz danach drängen sich die dazu passend verkleideten Exemplare der Gattung rad-ikaler Skinleg neben mich (ich darf sie so nennen, denn ich war einst einer von ihnen). Männchen und Weibchen um die 50, auf dem leichtesten und exklusivsten, was man momentan kaufen kann. Am Trikot prangen Startnummern und an ihren Lenkern blitzen zahlreiche Instrumente, mit denen sie Position, Vitaldaten und möglicherweise Neuigkeiten von der Börse in Echtzeit abrufen können. Beide stehen gut im Saft, sehen aber leicht unterzuckert aus. Nach einem kurzen Wortwechsel ist klar, dass wir Landsleute sind. Während wir plaudern erreichen wir das Dorf und irgendwie kommt es dazu, dass wir gemeinsam im Café sitzen. Ich will nicht unhöflich sein und bestelle ein Getränk, während die beiden das Mittagessen zu sich nehmen, welches sie sich nach bereits tapfer erkämpften 90 Kilometern und noch über 100 zu fahrenden Kilometern bis zum Hotel wahrlich verdient haben. Wie ich erfahre, haben Horst und Heike (die Namen sind frei erfunden, weil unbekannt), die beide in verantwortungsvollen Positionen sind, sich fünf Tage freigeschaufelt, um Frankreich Ost-West zu „machen“. Auch den Rest von Frankreich und sogar Südamerika haben sie schon „gemacht“. Während Horst ausführt, was er schon wo in welcher Bestzeit runtergerissen hat, frage ich mich was sie denn eigentlich meinen, wenn sie „machen“ sagen und sehe vor meinem geistigen Auge wie die beiden in Kochschürzen  gekleidet um die Wette aus Plätzchenteig Frankreich und Südamerika ausstechen, vermute aber sie meinen was anderes damit. Etwas verlegen erzähle ich von meinem Plan zum ersten Mal in meinem Leben den Versuch zu wagen, mit dem Konzept der Konzeptlosigkeit durch die Welt zu reisen und heraus zu finden, was passiert wenn man die Welt und das Leben einmal „machen“ lässt. Horst schaut irritiert, Heike fragt, ob ich arbeitslos sei. Ich verneine und sehe mich mit der Frage konfrontiert, was mein Beruf ist. Das Wort „Selbständigkeit“ zu Beginn meiner Rede stimmt beide nachdenklich und ich erkenne an ihren Augen, dass sie mental wegdriften als ich von Yogaunterricht und meinen Projekten erzähle. Erst beim letzten Teil meiner Erwerbstätigkeit und dem Schlüsselwort „Ingenieur“ kehren beide mit einem bestätigenden Nicken geistig zurück an den Tisch. Die Szene erinnert mich an meine ersten Bewerbungsgespräche und ich erwarte als nächstes erklären zu müssen, wo ich mich in zehn Jahren sehe. Gott sei dank will Horst aber nur wissen wie viele Kilometer ich heute schon gemacht habe. Ich vermute so um die 25, müsste aber nachschauen und bekomme umgehend zu hören, dass das aber eine sehr „lasche“ Performance sei. Ich sehe das als Kompliment, obwohl es glaube ich nicht so gemeint ist und erhalte ein weiteres Kopfschütteln als ich erzähle, dass ich weder weiß wo ich schlafen werde, noch wie lange ich heute fahren werde. Zum Abschied wünsche ich den beiden ein gutes Leben, Heike wünscht mir einen schönen Urlaub, Horst sagt irgendwas von Kette rechts oder so und zerdrückt mir zum Abschied fast die Hand.

Als ich abends im Zelt liege stelle ich fest, dass ich immer noch an Horst und Heike denke und mich frage, ob sie wohl auch an mich denken und in welche Schublade sie mich einsortiert haben. Da fällt mir ein, dass sie nicht einmal wissen wie ich heiße. Kurz werde ich von dem allabendlichen Treiben der Wald- und Wiesenbewohner in der Nähe meines Zeltes abgelenkt, da drängt sich mir die Frage auf, wie viel Horst und Heike ich denn eigentlich in mir trage?DSC_0781

Wenn da nichts wäre, dann hätte ich sie doch schon längst vergessen und vielleicht gar nicht erst getroffen. Ja, die Welt ist ein ehrlicher Spiegel und unterwegs sein ist der Weg durchs Spiegelkabinett. Auch in meinem Reisealltag spüre ich häufig den Druck ständig in Bewegung bleiben zu wollen, weiter zu fahren, mehr zu schreiben und noch mehr Bilder zu machen anstatt einfach mal da zu sein, zu beobachten, still zu sein. Besonders in den großen Städten, wo immer die Stechuhr tickt, tappe ich regelmäßig in das alte Muster hinein und auf einmal ist meine To-do-Liste voll und meine Sprache geprägt von Floskeln wie: „Ich muss, ich sollte oder ich darf doch nicht“. Worte die nur wenig Raum lassen für Zufälle und Momente wahrer Freude.

Dieses Programm sitzt tief und ich glaube, dass es sich für viele so anfühlt wie der Normalzustand. Armer Mensch, was kann er tun? Ich habe in vielen kleinen Reise-Alltagsexperimenten herausgefunden, wie gut es tun kann den Kopf auch mal auszuschalten und fernab der Logik zu spüren was gerade dran ist. Gerade wenn es um einfache Dinge geht, wie eine Entscheidung zwischen zwei Wegen oder anderen Dingen, die natürlich beide Vor- und Nachteile haben, wähle ich manchmal den, der sich besser anfühlt. Ohne zu wissen was ich da tue, lande ich so manchmal in einer Sackgasse, auch das braucht ein bisschen Übung, wichtiger noch: Vertrauen. Immer häufiger lande ich aber bei besonderen Menschen oder an dem tollen Feigenbaum, der all jenen verborgen bleibt, die durchs Leben sprinten. Mach‘ doch mal ne Pause Horst!

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– Die hohe Bewertung der Minute, die Eile als wichtigste Ursache unserer Lebensform ist ohne Zweifel der gefährlichste Feind der Freude. Möglichst viel und möglichst schnell ist die Losung. Daraus folgt immer mehr Vergnügung und immer weniger Freude. –  (Hermann Hesse)