waschen

in Blog, Reiseberichte

Mit (fast) allen Wassern gewaschen.

Schon beim Blick auf die Karte fällt auf, dass Frankreich ein gutes Stück größer ist als Deutschland. Angeblich fast doppelt so groß. Obwohl es mehr Platz gibt, leben dort um einiges weniger Menschen als bei uns. Viele der kleinen gratis Tourismuskarten, für die ich in den letzten Wochen ein Faible entwickelt habe, werben allzu oft mit Urlaub in ländlichen, naturbelassenen Regionen. Ich finde das hervorragend, folge den grünen Flecken auf der Landkarte in Richtung Süden und nächtige dort regelmäßig auf Schlafplätze im gehobenen wildcamp Segment. Dies bedeutet: wenig Menschen, nach Möglichkeit geschützt am Waldrand, nicht einsehbar von der Straße und wenn ich es mir aussuchen darf, dann auch gern mit See- oder Flusszugang. Das gefällt scheinbar auch den Waldbewohnern, denn ich bekomme nach wie vor regelmäßig nächtlichen Besuch, habe aber meinen Frieden damit gefunden, denn die meisten Wald- und Wiesenbewohner haben wenig Interesse an meiner Plastikhöhle und mir. Mal davon abgesehen, bin ich ja zu Gast in ihrem Zuhause und versuche auch, mich auch so zu verhalten.

morgensonne_gras_zelt

Mehr und mehr beschleicht mich aber seit einiger Zeit das Gefühl, dass sich die Flüsse heimlich gegen mich verbündet haben. Nach gelungenem Auftakt an Meuse, Marne, Seine, Loire, Allier, Cher und Creuse, konnte ich 1000 Kilometer lang ohne nennenswerte Steigung an ihnen entlang rollen und überall dort, wo das Wasser sauberer war als ich, auch ein Bad nehmen. In der zweiten Hälfte Frankreichs kommen mir die Wassermassen und die Täler, die sie gegraben haben, jedoch immer häufiger in die Quere, fließen nur noch horizontal von Ost nach West.

vierzehn

Im nicht minder flussreichen Süden gesellen sich zu den im Schnitt 75 Kilometern am Tag neuerdings mindestens 700-1000 Höhenmeter und ich bin heilfroh, dass mein Körper Zeit hatte, sich einzugewöhnen. Und eigentlich könnte man es auch als Fürsorge vestehen, denn in Frankreichs Süden warten die Pyrenäen. Am Fuße eben dieser liegt die Stadt Pau, in der ich eine Erfahrung machte, die meine Vermutung bestätigt.

Der dort vorbeifließende Fluss Gave de Pau schien mir ein perfekter Ort zur Rast, um der Mittagshitze zu entkommen. Eine beeindruckende, riesige Wildwasseranlage für Kayakfahrer liegt parallel des Flusses und deutet darauf hin, dass es wohl hin und wieder auch mal mehr Wasser gibt, was zu dieser Jahreszeit wohl nicht funktioniert. Glücklicherweise führte der Fluss aber gerade genug Wasser, um darin ein Bad zu nehmen. Ich fand schnell einen Platz auf einer Sandbank direkt am Wasser und breitete mein feuchtes Inventar, das Zeuge einer nebligen Nacht im Maisfeld wurde, zum Trocknen aus.

vor der flut

Da dieser Prozess immer einige Zeit meines Tages in Anspruch nimmt, nutzte ich die Pause, um weiter oben an der Uferböschung im Schatten der Bäume mein Fahrrad zu richten. Während ich die Bremsbeläge sichtete, stellte ich fest, dass die zahlreichen Vögel über mir im Baum laut zu zwitschern begannen und auch drüben in der Wildwasseranlage Jubelschreie zu vernehmen waren, die darauf hindeuteten, dass sich irgendwas verändert hatte. Erst nach oben und dann über die Schulter zum Fluss blickend, erkannte ich, wie der Wasserstand rasch anstieg, und bereits ein Teil meiner Ausrüstung, inklusive meiner Gitarre, flussabwärts unterwegs waren.

nach der flut

Hastig versuchte ich zu retten was zu retten war und tatsächlich kann ich, bis auf eine getragene Unterhose, ein T-Shirt, sowie Dinge, die ich bis jetzt nicht vermisst habe, keine Verluste verzeichnen. Nach einem zweitem Trockenversuch in Sicherheit, funktionierte alles wieder tadellos. Besonders erstaunt war ich über mein altes Handy, das tapfer einige Sekunden auf dem Grund des Flusses auf mich wartete und nach einem Sonnenbad ohne (neue) Einschränkungen zur Verfügung stand. Etwas irritiert, aber froh, saß ich dann im Trockenen und fragte mich, was denn eigentlich los war, denn nach 5 Minuten sank das Wasser wieder auf den alten Stand ab und es kehrte Ruhe ein. Ein Passant kam zu mir und klärte mich darüber auf, dass der Fluss hier einige Male am Tag für die Wassersportler geflutet würde und wunderte sich, dass ich das nicht wusste. Es gibt noch viel zu lernen…