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Mit Buddha, Jesus und dem Elefantengott auf dem Jakobsweg. (I)

„Pilgerst du auf dem Jakobsweg?“, fragt mich die Dame hinter der Theke einer Bäckerei, die ich am frühen Morgen irgendwo inmitten der französischen Pyrenäen betrete. Es ist nicht das erste Mal, dass man mir diese Frage stellt und im vorliegenden Fall geht es um ein Jakobsweg-Frühstücksmenü: Kaffee, Croissant, Banane zum Pilgerspezialpreis. Da Lügen morgens besonders anstrengend ist und ich meinen Pilgerstatus noch nicht final geklärt habe, entscheide ich mich für ein knappes: „Non“ . Die Frau mustert mich mit einem Lächeln und berechnet mir trotzdem den günstigeren Pilgerpreis. Ihre Reaktion überrascht mich, denn ich hörte, dass Reisenden ohne Pilgerausweis manchmal Vergünstigungen und der Einlass zu Herbergen verwehrt bleiben soll und ich überlege, ob es eine Geste des Mitleids ist oder ob die Dame vielleicht mehr in mir sieht, als ich über mein Verhältnis zum Pilgern weiß. Bei einer Tasse Jakobs-Krönung schweift mein Blick über die muschel- und kreuzbehangenen Pilgerer, die sich auf den Showdown, die letzten paar Hundert Kilometer auf der Pilgerautobahn, wie es einer von ihnen nannte, vorbereiten. Die meisten sind sehr gut ausgestattet, denn auch die Industrie hat längst auf den Trend reagiert und schlecht gekleidet pilgert es sich nur halb so gut. Ich frage mich, was sie wohl suchen mögen? Sündenablass, Sinn, Entschleunigung und Stille oder vielleicht einfach die körperliche und geistige Herausforderung des Unterwegsseins. Sie werden ihre Gründe haben. Doch was ist mit mir, bin ich nun einer von ihnen? Ich besitze weder einen Pilgerausausweis noch Muschel oder Kreuz und glaube eigentlich immer noch daran, dass ich eher zufällig im Fahrwasser des heiligen Jakobus gelandet bin. Gibt es denn Zufälle überhaupt?

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Unlängst hörte ich, Pilgern sei der lateinischen Wortherkunft nach eine religiös motivierte Reise in Bereiche, die jenseits des eigenen Ackers liegen. So hat man in vergangenen Zeiten wohl den Weg in die Fremde oder auf Neudeutsch den Ausbruch aus der Komfortzone beschrieben. Ich halte das für ein schönes Bild, allerdings reibe ich mich am Begriff der „religiösen“ Motivation. Mein eigener christlicher Weg endete vor ein paar Jahren, da ich mich mit der Institution Kirche nicht weiter identifizieren wollte und konnte. Es folgten Reisen durch die Welt, die mich in Kontakt brachten mit anderen Religionen, Philosophien und Weltanschauungen, in andere Häuser, Tempel und Klöster. Ich verbrachte Zeit mit orthodoxen Christen in Bulgarien, mit Sunniten und mit Kurden in der Türkei, mit Schiiten im Iran, mit Ismaeliten in Pakistan, mit Buddhisten, mit Hindus, mit Juden und mit Christen in Indien. Viele von ihnen boten mir Hilfe, Nahrung und Obdach an und haben mich mit ihrer Gastfreundschaft und Freundlichkeit glauben gelehrt, dass es etwas gibt, was uns Menschen jenseits von Weltanschauung und Sprache verbindet. Sie gaben mir das Gefühl, dass für mich auch in der Fremde gesorgt ist. Ein großes Geschenk und vielleicht so etwas wie mein Glaubensbekenntnis.

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Ja, ich glaube, still und heimlich. Jedoch nicht an die Schriften und Bilder, die mir entlang meines Weges verkauft werden sollten – zu viel davon trägt für mich weniger die Handschrift einer höheren Weisheit als lediglich die Weltanschauung verklemmter alter Männer. Grundsätzlich sind die Religionen, die ich kenne, für meinen Geschmack eine zu männliche Angelegenheit und man könnte fast auf die Idee kommen, dass es eigentlich um Politik geht und vor dem Wohl der Menschen das sehr weltliche Bedürfnis nach Machterhaltung und der Abgrenzung gegenüber Ungläubigen, Sündern oder eben jenen, die gerade nicht willkommen sind, steht.

Dennoch gibt es über alle Religionen verteilt Geschichten und Persönlichkeiten, die mich bewegen und einige davon habe ich in meinen spirituellen Flickenteppich eingearbeitet.

So sitzt zum Beispiel der kleine Buddha auf meinem Lenker. Feinster Asia-Spritzguss, ein Exportschlager aus Fernost, wie man ihn als Dekoartikel mittlerweile in jedem gut sortierten 1-Euroladen kaufen kann. Er erinnert mich daran, dass Veränderung die einzige Konstante ist und sowohl Freude als auch Leid vergänglich sind. An zermürbenden Tagen in der prallen Mittagshitze, mit steilen Anstiegen oder Gegenwind, blinzelt er mir manchmal vom Lenker aus zu und ich erinnere mich, dass es irgendwann wieder regnen wird und kein Anstieg unendlich lang ist. Das tut er übrigens auch, wenn ich Menschen treffe, denen ich mich verbunden fühle und der Zauber der Begegnung mich vergessen lässt, dass ich sie loslassen muss, um weiter fahren zu können.

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Ähnlich steht es um den lustigen Hindugott mit dem Elefantenkopf, der als Kühlerfigur über meinem Vorderrad thront und neben seinen 107 weiteren Namen auch Ganesha genannt wird. Hindus und Yogis glauben, dass er Hindernisse setzt, wenn diese für die Entwicklung notwendig sind und zur Seite steht, um eben diese zu überwinden. An ihn denke ich, wenn das Leben oder die Reise mal anders läuft als geplant, wie neulich als die auf der Karte eingezeichnete Straße in der Mauer eines großen Staudammes endete und ich viele Kilometer durch die Mittagshitze zurückfahren musste.

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Neben diesen beiden gibt es noch weitere Entwicklungshelfer in meinem Team, doch sie alle sind für mich nicht mehr als Wegweiser auf einer Landkarte zu mir selbst. Ihre Eigenheiten erinnern mich an Qualitäten, die ich, wie jeder Mensch, bereits in mir trage und gerne weiter kultivieren möchte.

Die Schlange zur Bäckerei wird langsam kürzer und in der Pilgermenge geht die Nachricht herum, dass schlechtes Wetter aufzieht, was nicht unbedingt ein gutes Vorzeichen für meine Überquerung der Passhöhe Col du Somport ist. Bis zum Pass, welcher auf der französich-spanischen Grenze liegt, sind es noch 60 Kilometer und ungefähr 1500 Höhenmeter. Trotzdem beunruhigt mich die Wetterinfo nicht sonderlich, denn auch mein Kopf hat nun begriffen, dass es unmöglich ist diese Reise zu bestreiten, ohne nass zu werden. Die Menge löst sich langsam auf und auch ich kehre aus meiner geistigen Welt und dem Versuch meinen Pilgerstatus zu klären zum handfesten Reisealltag zurück. Um herauszufinden, was hinter meinem Acker versteckt liegt. Rein in die Pyrenäen.

reininthepyrenees