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Mit Buddha, Jesus und dem Elefantengott auf dem Jakobsweg. (II)

Die ersten Kilometer in Richtung der spanischen Grenze und der Passhöhe Somport sind etwas zäh, denn bis zum Tunnel, der vor ein paar Jahren für den Transitverkehr erbaut wurde, teile ich mir die Straße mit LKWs und allem was einen Motor hat und nach Spanien will. Unter anderem auch mit einem niederländischen Mofaclub, der die Pyrenäen eingehüllt in eine blaue Wolke überqueren möchte. Ein Protestschild der Bevölkerung weist auf mehr als 7000 Fahrzeuge pro Tag hin und ich stimme zu, dass das zu viele sind für das kleine Tal.

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Dort ist nämlich bald nur noch Platz für die enge Straße und einen Gebirgsfluss. Ich bin heilfroh darüber, dass meine Reise nicht hier, sondern in den holländischen Pyrenäen begann, wo Körper und Geist ein wenig Zeit hatten sich an mein „neues“ altes Leben zu erinnern. Mit zunehmender Höhe merke ich, dass der Wind auffrischt. Feinster Föhn, der Vorbote von Regen oder mehr, der talaufwärts, also von hinten, ein wenig mithilft mein 120 Kilogramm Systemgewicht aufwärts zu schieben. Der Blick nach oben lässt unschwer vermuten, dass es bald regnen wird, denn der schmale Streifen Himmel, den die steil hinauf ragenden Wände links und rechts von mir frei lassen, wird stetig dunkler.

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Als Petrus dann die Schleusen öffnet, stehe ich, wie könnte es anders sein, vor einer Pilgerherberge in einem kleinen Dorf und bin mir nach wie vor nicht sicher, ob ich zur Gruppe derer gehöre, die hier Schutz suchen. Da es aber aussieht als würde es länger regnen und die ohnehin schon vorher kühle Höhenluft nicht unbedingt zur philosophischen Rast unter freiem Himmel einlädt, trete ich ein.

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Die Türe ist offen und im Inneren riecht es ein bisschen nach alten Büchern und kalter Zwiebelsuppe. Allemal besser als nass, kalt und draußen. Ein Schild weist darauf hin, dass man sich bis zur Ankunft der Herbergsmutter am Abend wie zu Hause fühlen soll. Ich folge der Anweisung und beschließe eines der Nachtlager zu beziehen, da es ohnehin zu spät ist, um heute noch die Passhöhe zu erklimmen. Das Interieur ist einfach gehalten und während ich Tee koche, trommeln dicke Regentropfen ans Fenster. Wenige Minuten später treffen weitere Pilger ein und der Lärmpegel im kleinen Vorraum ändert sich rasch. Ein Spanier, ein Franzose und zwei Deutsche im Alter zwischen 22 und 68 Jahren betreten die Szenerie. Alle vier sind stark durchnässt und als sie die Schuhe zum Trocknen aufstellen ist da wieder ein Hauch von Zwiebelsuppe in der Luft. Die Enge der Unterkunft unterstützt das Kennenlernen und mit einem Mix aus Französisch, Spanisch und Deutsch mit rheinländischer Färbung verbringen wir die nächsten Stunden gemeinsam. Ob mit oder ohne Pilgerausweis fühle ich mich schon wie einer von ihnen und auch die nette Herbergsmutter stellt keine weiteren Fragen, während sie die Ausweise der anderen mit den anscheinend begehrten Stempeln versieht. Heute Nacht bin ich also ein Pilger. Nach einem bescheidenen, aber dafür reichlichen Mahl, fragen die beiden Deutschen, ob wir gemeinsam in der angrenzenden Kapelle singen wollen und laden mich und meine Gitarre ein, sie zu begleiten. Etwas skeptisch folge ich ihnen durch eine Türe, die direkt in die angrenzende Kapelle führt. Diese ist so ganz anders als die düsteren, mittelalterlichen Gotteshäuser entlang meines bisherigen Weges, die bis heute ihre traurige Vergangenheit aus Zeiten der Kreuzzüge und Inquisition nicht abschütteln konnten. Hier waren fröhliche Menschen am Werk. Die Decke ist kunstvoll mit Sternen bemalt und anstelle des leidenden Jesu füllt eine Skulptur aus großen bunten Glassplittern den Raum zwischen Himmel und Erde. Wow, ein toller Ort. In Ermangelung an Noten für die Gitarre singen wir das Pilgerlied Ultrea A capella, drei Deutsche ein Spanier und ein Franzose, die im halbdunkel auf die erleuchteten Displays zweier Smartphones schauen, um den französischen Text zu lesen. Wir singen in allen Varianten, die uns einfallen und im Anschluss gebe ich noch ein kleines Konzert eher unchristlicher Lieder aus meinem bescheidenen Repertoire. Nach einer Weile ist es still in der Kapelle und weil sich keiner bewegt, schaltet sich das Licht automatisch aus. Wir sitzen im Dunkeln und es ist einer jener Momente, der keine Worte benötigt, um den Raum zu füllen, der sich für einen Augenblick öffnet. Wir erleben den großen Luxus miteinander schweigen zu können und ich habe das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein zu dürfen. Einige Atemzüge später endet die kleine Meditation und wir verlassen wortlos den Raum. Nur einer bleibt kurz stehen, dreht sich um und beginnt leise, aber sicher „Guten Abend, gute Nacht“ zu singen. Ich habe, glaube ich, selten jemanden aufrichtiger singen hören und gehe verzaubert ins Bett.

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In der Nacht hört es auf zu regnen und ich stelle fest, dass meine Pilgerfreunde Frühaufsteher sind. Als es dann irgendwann hell wird, erinnert nur noch die nasse Straße und die frische, saubere Bergluft an den Regenschauer. Nach dem Frühstück trennen sich unsere Wege und ich bin sehr dankbar für die Begegnung, denn sie hat mich ein kleines Stück näher gebracht zu mir und auch zu den Menschen, die ich hin und wieder an der Straße laufen sehe und mich frage, wer sie wohl sind.

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Die Passauffahrt ist dank der nächtlichen Wasserkühlung zwar immer noch eine Herausforderung, aber gut machbar. Die Straße ist durchgehend asphaltiert, hat nur wenige steile Rampen und ich erreiche zur Mittagszeit die Passhöhe an der spanischen Grenze. Nachdem ich einen knappen Monat in Frankreich unterwegs war, ist der Länderwechsel etwas sentimental. Das ist immer so. Zu groß war der Luxus mich mit den Menschen verständigen zu können, das gute Essen und die tolle Landschaft. Große Hoffnungen auf rasche Fortschritte im Spanischen setze ich in den Sprachführer, den ich so weit getragen habe, ohne ihn bisher brauchen zu können.

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Epilog:

Es ist heiß und die Landschaft ist öde, kein Baum, nur gelb-braune Felder, hin und wieder ein verlassenes Haus. Die Gegend erinnert mich an meine Zeit im Norden des Iran, obwohl es dort nochmal mindestens 10°C wärmer war und ich das Klopapier rationieren musste. Der Weg hinaus aus den Pyrenäen führt über weitere Hügel und Berge, welche 100 Kilometer zuvor noch lebendig grün waren. In einem der ausgestorbenen Dörfer finde ich einen Spielplatz, der – umringt von hohen Bäumen und einem Picknicktisch – prädestiniert ist für eine Pause und etwas „Büroarbeit“.

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Ich bin alleine, denn es ist Siestazeit. Nur ein Junge mit Hund turnt auf den alten Geräten herum. Nach einer Weile der respektvollen Beobachtung kommt er näher und spricht mich an. Da ich den so wertvollen Sprachführer am Vormittag verloren haben muss, bin ich gezwungen, mich an meine eineinhalb Semester Spanischkurs in der Volkshochschule zu erinnern. Außer der Frage nach seinem Namen ist für den Moment nicht viel mehr hängen geblieben. Er stellt sich als Jesus vor. Ich bin mir nicht sicher, ob ich vielleicht die falsche Frage gestellt habe und probiere es auf französisch. Er gibt die gleiche Antwort. Potzblitz denke ich mir, der Kerl sieht so ganz anders aus als man sich erzählt. Er trägt ein etwas zu großes Deutschlandtrikot und ist 11 Jahre alt, wie ich erfahre. Bei späteren Begegnungen stelle ich fest, dass Jesus ein normaler spanischer Vorname ist, wie Abraham oder Piedro, was ich aber zu deZeitpunkt nicht wusste. Ich bin also ganz Ohr. Es stellt sich heraus, dass der kleine Jesus ein aufgewecktes Kerlchen ist, er spricht ganz passabel französisch und englisch und löchert mich mit Fragen über Gott und die Welt. Ich antworte so gut ich kann. Als er mich nach meiner Religion fragt, antworte ich verlegen, zwar getaufter Christ zu sein, aber momentan eine Auszeit zu nehmen. Ein Blitzen in seinen Augen deutet darauf hin, dass jetzt mehr kommt. In einem mehrminütigen Monolog erklärt er, dass er und seine Eltern Zeugen Jehovas sind, wobei ich dass eigentlich erst zur Mitte seiner Rede verstehe, als er versucht mir das tolle Vereinsmagazin namens „Watchtower“ schmackhaft zu machen. Ich gelobe bei nächster Gelegenheit eines der Exemplare mitzunehmen, die ja in jeder gut sortierten Bahnhofsvorhalle von den stummen, verdächtig gut gekleideten Missionaren vertrieben wird. Jesus ist sicher, dass mir die Lektüre gut tun wird und, dass im Himmel auch noch Plätze für die verirrten Schafe wie mich sei. Ich bin gespannt was die Pubertät mit dem jungen Jesus und den Vorstellungen seiner Eltern machen wird.

Als er merkt, dass ich immer weniger zum Gespräch beitrage schaut er auf mein Rad und fragt wer denn der lustige Elefant sei. Ich erzähle ihm die Geschichte von Ganesha, davon warum er einen Elefantenkopf trägt, gerne Süßigkeiten mag und auf einer Ratte reitet. Er hört aufmerksam zu und denkt kurz über die Geschichte nach. Dann fragt er ob die Hindus denn wahrhaftig an so etwas wie einen Elefantengott glauben, schließlich wisse ja jeder, dass Gott ganz anders aussehe. Ich zucke mit den Achseln und erwidere, dass die alten Männer in Indien vielleicht einfach ein bisschen mehr Phantasie hatten als unsere.

Was bleibt nun übrig nach über 2000 Kilometern auf verschiedenen Zweigen des Jakobsweg? Die Vermutung, dass es wohl wertvoll ist hin und wieder eine Reise hinter den eigenen Acker zu unternehmen, zu schauen wer ich bin, werden will und wessen Wahrheit ich glauben möchte. Vielleicht ist es dann auch nicht mehr ganz so wichtig ob ich nun pilgere, reise oder einfach versuche ein bewusstes Leben zu führen.

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Zum Schluss eines viel zu langen Beitrags ein paar Zeilen aus einem dieser kleinen gelben Bücher, welches mir in der Schule einmal versetzungsgefährdend nahe kam. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es nun endlich richtig missverstehe. Jedenfalls schreibt irgendein Lessing folgendes:

„Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet.“

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