aussicht

in Blog, Reiseberichte

Beobachtung freilaufender Gedanken und anderer wilder Tiere.

Seit einigen Tagen bekomme ich Nacht für Nacht Besuch von einem Bären, der in der Dunkelheit um mein Zelt schleicht. Zumindest in meinem Träumen. Eigentlich kein Wunder, denn mehr als einmal wurde ich gewarnt, dass es in den Pyrenäen freilebende Bären geben soll. Ratschläge dieser Art begegnen mir häufig. Nur selten spiegeln sie die Realität wieder, verraten mir aber mehr über Menschen und Gesellschaft als es meine Reiseführer je könnten. Schließlich haben wir alle unsere Ängste: Ost vor West, Nord vor Süd, Religion a vor Religion b, Schaf vor Wolf, Huhn vor Fuchs, die von hinter dem Berg vor denen von vor dem Berg und andersherum – in allen Farben und Ausprägungen. Daran gewöhnt man sich, denn die meisten können ja nichts dafür. Dagegen getan wird meistens leider auch nicht sonderlich viel, denn kaum einer macht sich die Mühe zu überprüfen, ob die Welt da draußen wirklich so ist wie man es sich erzählt. Dann werden Erwachsene schnell zu Kindern, die den Weg in den Keller scheuen, weil sie dort in der Dunkelheit böse Geister vermuten. Und auch im Falle der Pyrenäenbären hat niemand, der die Warnung aussprach, jemals einen zu Gesicht bekommen. Trotzdem ist man sich einig, dass es besser ist auf der Hut zu sein.

rabbit_2

Auch wenn mich solch unfundierte Ratschläge wie die aktuelle Bärenwarnung meistens eher kalt lassen, scheint sie in diesem Fall in den Tiefen meines Bewusstseins auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Der Bär beschäftigt mich. Ich mache also, was ein New-Age-Trapper nun mal macht: Er befragt das Internet. Dort finde ich natürlich, wie immer, reichlich zum Thema. Ich fasse die Informationen zusammen und stelle fest, dass Bären so ziemlich alles besser können als Menschen, zumindest was grobe Motorik angeht. Sie können schneller laufen, besser klettern, sind sehr gute Schwimmer und im Nahkampf unschlagbar. Auch in der Salami sollen sie besser schmecken, wie ich ebenfalls erfahre. Ein User postet, dass die einzige Chance zu überleben darin bestehe, mit einen gezielten, festen Schlag auf die Nase des Bären, eben jenen unverzüglich in einen plötzlichen Winterschlaf zu versetzen. Selbstredend hat man nur einen Versuch, danach ist der Bär dran. Ich sehe mich, den schlaksigen Pazifisten, der in stockdunkler Nacht versucht einen gezielten Schlag auf ein Eurostück großes sich bewegendes Ziel in zwei Metern Höhe zu geben und fange unwillkürlich an zu lachen. Tagsüber ist das einfach, doch Nachts im Zelt, wenn es draußen dunkel ist und der Wind am Zelt zerrt, wird in Ermangelung an echten Bildern jedes Knacken und Rascheln in meinem Kopf in Bilder umgewandelt und das Drama beginnt.

DSC03637

Mein Zelt, diese sarggroße wenige Millimeter dicke Illusion von Zuflucht und Sicherheit, bietet bei ehrlicher Betrachtung keinerlei Schutz vor ernstgemeinten Angriffen jeglicher Art. Ich brauche also etwas anderes, um hier friedlich schlafen zu können. Manch einer denkt vielleicht an ein stärkeres Zelt, an einen Zaun, Kamerasysteme oder aber gar an Pfefferspray und Schusswaffen zur Verteidigung. Die Lösung für mein Problem ist doch viel simpler, denn die Quelle meiner Angst liegt nicht außerhalb des Zeltes, hat weder Krallen noch spitze Zähne. Sie ist zu Hause zwischen meinen Ohren, dort wo der Geist Gedanken erzeugt, die ohne Aufsicht ein Eigenleben entwickeln und mich manchmal Nachts nicht schlafen lassen. Sabotage aus den eigenen Reihen sozusagen.

apeman

Wohl genährt vom Sonntagabentatort, dem Klatsch und Tratsch bunter Medien und Nachrichten die gerne emotionalisieren, aber nur selten informieren, steht meiner Birne dank jahrelanger Programmierung ein breites Repertoire an Möglichkeiten zur Verfügung, um für so ziemlich jeden Lebensbereich die passende Angst in petto zu haben. Wenn man nicht mitbekommt, was da vor sich geht, könnte man fast meinen, dass das inszenierte Drama die reale Welt widerspiegelt, und dass leben vor allem bedeutet, auf der Hut zu sein – nicht nur im Zelt in der Dunkelheit. Wie gut das auch bei Tageslicht funktioniert, wurde gerade eben in einem medial ausgeschlachteten demokratischen Großexperiment in Amerika mit zigmillionen Probanden bewiesen. Wer Ängste zu steuern weiß, kann die Schafherde leiten, manchmal sogar zum Schlachthof.

Doch was kann ich tun? Um das herauszufinden bin ich losgefahren. Das Fahrrad, das Segelschiff, die Kilometer, die fremden Länder, all das ist lediglich Mittel zum Zweck. Ich will mein gutes Gefühl für die Welt zurück haben und Menschen aufsuchen, die beschlossen haben weder Wolf noch Schaf zu sein. Von ihnen will ich lernen was ich tun kann, wenn im Oberstübchen mal wieder der Bär los ist und wie ich freilaufende Gedanken bändigen kann.

nachcandeleda

Ein Ort, an dem ich so etwas zu finden glaube, ist Candeleda im Herzen Spaniens. Bis dahin bin ich bereits 2500 Kilometer gefahren und es ist der einzige im Vorfeld geplante Stop dieser Reise. Normalerweise verirren sich in die kleine Stadt 200 Kilometer südlich von Madrid nur selten Fremde. Das hat sich vor nicht all zu langer Zeit geändert als ein großes Meditationszentrum gebaut wurde. Seitdem kommen immer mehr Menschen aus ganz Spanien und der Welt hierher. Die Anlage liegt am Fuße eines großen Berges, der im ohnehin bergigen Spanien mit 2600m dezent aus der Landschaft heraussticht. Schnell denkt man bei solchen Orten an Mönche, an Mystiker mit langen Bärten und übernatürlichen Fähigkeiten oder aber an Räucherstäbchen, Klangschalen und esoterischen Hokuspokus. Das soll es wohl auch geben, aber hier sieht es ein wenig anders aus. Der Ort ähnelt eher einer Jugendherberge. Kein Altar, keine Bilder, keine Texte, keine Ideologie und kein Guru, dafür aber eine friedliche, stille Atmosphäre. Hierhin kommt wer lernen will Gedanken und Emotionen nicht nur denken und fühlen zu können, sondern sie zu beobachten und das Karussel im Kopf hin und wieder anzuhalten.

DSC03165

Die Bedingungen erscheinen hart, denn ein Kurs dauert 11 Tage mit jeweils 10 Stunden Sitzmeditation. Für die Dauer des Kurses verzichtet man auf jegliche Kommunikation, verbal wie nonverbal und auch digital. Morgens, Mittags, Abends und Nachts gibt es nichts weiter als sich selbst und die vom Geist erschaffenen Bilder und Programme mit Gleichmut zu beobachten.

Mindestens eine neue Welt hat sich für mich aufgetan als ich vor 4 Jahren zum ersten Mal einen solchen Kurs absolviert habe. Wer lange nicht innegehalten hat, wird sich vielleicht wundern, wie viel unverdautes Leben in Form von Gedanken und Bildern unter der Oberfläche darauf wartet angeschaut zu werden. Diesmal bin ich aber hier, um mit anzupacken und sicherzustellen, dass die 130 Teilnehmer und 20 Helfer saubere Sanitäranlagen, gesundes Essen und eine gepflegte Anlage vorfinden. Das ist notwendig, denn die Zentren, die über die ganze Welt verteilt sind, finanzieren sich durch Spenden und ehrenamtliche Arbeit. Für mich ist es immer wieder eine gute Erfahrung unentgeldlich zu arbeiten und all die Sachen zu machen, für die man sich sonst zu schade ist. So wird mir die Ehre zuteil, für die Toiletten und Kläranlagenreinigung mitverantworlich zu sein.

DSC02568

In den einfachen Schlafsälen kommen Menschen zusammen, deren Wege sich im Alltag wahrscheinlich nur selten kreuzen würden. Ohne Worte zu wechseln oder sich anzuschauen verbringt man gemeinsam Zeit beim Essen, beim Zähneputzen, beim Meditieren. Und wenn um 4.00 Morgens zum ersten Mal der Wecker klingelt, ist das besonders in den ersten Tagen für jeden hier eine Herausforderung.

Es ist nicht so, dass die Menschen diesen Ort mit einem Heiligenschein verlassen und ich habe auch noch keinen erlebt, der übers Wasser nach Hause ging. Die Veränderungen sind viel subtiler und nach dem Kurs hat der eine oder die andere eine andere Haltung angenommen, geht vielleicht aufrechter, isst etwas langsamer und erkennt im Spiegel funkelnde, klare Augen, die vielleicht schon lange nicht mehr gesehen wurden. Dann wird das friedliche Schweigen gebrochen und alle kehren zurück in ihren Alltag. Die Wirkung des Zaubers nimmt ab, auch das kann man beobachten. Manchmal aber wird es selbst in der überreizvollen Zeit, in der wir leben, um mich herum leise und ich erinnere mich daran, dass ich bei allen Gedanken und Emotionen die Wahl habe sie zu denken und zu fühlen oder einfach nur zu beobachten. Das erhöht meinen persönlichen Freiheitsgrad ungemein und hilft nicht nur beim Umgang mit wilden Tieren.

supermoon