Seemannklein

in Blog, Reiseberichte

Die FREIbeuter von Gibraltar.

Es ist Sonntagmorgen und draußen im Hafen, wo das europäische Festland ins Meer übergeht, um nur 20 Kilometer weiter südlich als afrikanischer Kontinent wieder aus dem Wasser aufzusteigen, drängt sich eine handvoll Mittzwanziger, überwiegend osteuropäischer Herkunft, um einen Haufen Müll, der mit etwas Phantasie als Boot durchgehen kann.

Um an diesen Ort zu gelangen bin ich am Ende des Yachthafens nur unweit der teuren Schiffe über eine schulterhohe Mauer geklettert und von dort aus zwischen Fischkadavern und Abfällen den Weg entlang der Hafenmole in Richtung Wasser gelaufen. Genau so hatte man es mir am Abend zuvor auf eine Serviette aufgemalt. Der Novemberwind weht mir frisch ins Gesicht, ich trage Kapuzenpullover und Flip Flops. Ich nähere mich der losen Versammlung, die ihre großen Rucksäcke sowie Fundstücke aus dem Meer in ausgeliehenen Einkaufswagen transportiert.

pirates1klein

Meine Ankunft wird kurz zur Kenntnis genommen, dann wird weiter gefachsimpelt – an welcher Stelle die letzten leeren Flaschen und Kanister als Auftriebskörper zu befestigen sind, damit ihr „Schiff“, wie sie es nennen, die für heute angekündigte Jungfernfahrt zur anderen Seite der Bucht meistern kann. Nach erfolgreicher Feuertaufe, an der hier niemand zweifelt, soll es wenig später auf die Kanaren und weiter nach Südamerika gehen. Der Ausdruck in ihren Augen verrät, dass sie das tatsächlich ernst meinen, auch wenn keiner von ihnen jemals auf einem Segelboot war. Aber diese Art von Zweifel passen hier nicht hin. Im Hintergrund schiebt sich ein riesiger blauer Tanker durchs Bild in Richtung der großen Raffinerie am Ende der Bucht, um das durstige Europa mit frischem Öl zu versorgen. Die Gruppe nimmt das Schiff gar nicht wahr und es scheint, als würden diese grotesken Stahlklötze, in ihrer Welt gar nicht existieren.

algecirasklein

Hin und wieder macht eine Flasche Bier oder aber auch etwas Schnaps die Runde. Dies mag es womöglich leichter machen, diese Realität aufrecht zu halten. Die Geschichte könnte gleichermaßen Stoff für den Plot eines heroischen Abenteuerfilms liefern, aber auch für den Seemannsgarn, der abends in den hiesigen Kneipen gesponnen wird, herhalten. In Anbetracht der nüchternen Romantik, die ein Sonntagvormittag so mit sich bringt, hält sich meine Begeisterung, Teil dieser Unternehmung zu werden, jedoch in Grenzen. Dennoch fasziniert mich was ich da sehe, schließlich bin ich auch losgezogen, um zu sehen welche Konzepte von Freiheit andere Menschen leben und was sie mir vielleicht über mich selbst verraten können. Aus Kindheit und Jugend habe ich die Geschichten vergangener Zeiten, von Goldsuchern, Freibeutern und Piraten im Kopf und frage mich, wo in der heutigen Gesellschaft eben jener Schlag Mensch zu finden ist. In diesen Tagen, in denen jeder, der das Privileg genießt, auf dem richtigen Teil unseres Planeten geboren zu sein und sich dadurch nahezu frei aussuchen darf wer oder was er sein will, sind es vermutlich eben jene Träumer, Lebenskünstler und Freigeister, die zumeist am Rande der Gesellschaft ihr Dasein fristen. Je mehr Exemplaren dieser Gattung ich begegne, desto häufiger stelle ich mir die Frage, wie frei die vermeintlich Freien denn eigentlich sind.

pirates2klein

Eines ist jedenfalls sicher, sie machen unsere Welt ein bisschen bunter und zeigen – unabhängig davon, für wie sinnvoll auch immer man ihr Lebensmodell hält-, dass jeder die Wahl hat zu entscheiden, wie man hier leben möchte. Von außen betrachtet wirken sie wie der Gegenentwurf zu den Superreichen, die in ihren goldenen High-Tech-Käfigen auf der anderen Seite der Mauer im Yachthafen ihre Lebenszeit absitzen.

Gibraltarportklein

Selbstverständlich haben beide Lager nicht viel für den Lifestyle des jeweils anderen übrig. Da ich bis jetzt nur selten Kontakt zum Establishment im Hafen habe, beschränken sich meine Beobachtungen also eher auf die jungen wilden, die nachts in verlassenen Häusern schlafen und beim Hilfswerk Essen beziehen. Im Gespräch erfahre ich, dass einige von ihnen schon mehrere Wochen hier sind und hin und wieder bilde ich mir ein zu beobachten, dass gelegentlich für die Dauer eines kurzen Augenblicks die Kostümierung aus Dreadlocks, Tätowierungen und Südseeteint verrutscht. Dann wirken sie plötzlich sehr unfrei, wie gefesselt an diesen Ort und die fixe Idee den Atlantik zu überqueren und gar nicht so viel anders als eben jene, die sie ablehnen. Doch was ist mit mir? Wie viel meiner Freiheit bin ich bereit einzutauschen, um mit dem Boot über den Atlantik zu fahren? Wie lange bin ich eigentlich schon hier?

gibraltarcloudklein

Bereits seit über einer Woche bin ich an diesem eigenartigen Ort, in Gibraltar, wo absurderweise am Südzipfel Europas in Spanien noch ein Stückchen England hängt. Man muss die Grenze passieren, um die strategisch nach wie vor wichtige britische Enklave zu betreten. Jenseits von La Línea de la Concepción in Spanien führt die Straße vorbei an britischen Grenzbeamten, danach über den Flughafen und nach wenigen Metern gibt es Wechselstuben, Fish and Chips und ironischerweise regelmäßig Regen im sonst eher trockenen Klima Südspaniens. Seit einigen Tagen klappere ich die drei großen Segelhäfen ab, um ein Schiff zu finden, das mich mitnimmt. Eine für mich gänzlich neue Welt tut sich auf und steht in starkem Kontrast zu den ersten zweieinhalb Monaten meiner Reise, in denen ich überwiegend alleine war, selbstverantwortlich und unabhängig. Hin und wieder vielleicht sogar ein bisschen frei. In Gibraltar angekommen bin ich nur eine weitere Nummer im Hafen, die dem Wunsch, nach Südamerika zu kommen, hinterher jagt. Die Euphorie, die ersten 3200 Kilometer aus eigener Kraft bei Regen, Sonne, Hitze und Einsamkeit hinter mich gebracht zu haben, weicht der ernüchternden Realität, dass es neben mir ungefähr 20 weitere Aspiranten gibt und täglich neue Gesichter hinzukommen. Tag für Tag mache ich meine Runden, kontrolliere ob meine Bewerbungszettel an den überfüllten Pinnwänden der Hafenbüros und in den Toiletten der einschlägigen Kneipen noch hängen. Danach gehe ich von Hafen zu Hafen und von Steg zu Steg, halte kurzen Plausch mit denen, die ich schon kenne und versuche neue Boote aufzuspüren. Je nach Tagesform und Selbstwert frage ich die Neuankömmlinge, ob sie Verwendung für mich haben, oder von jemandem gehört haben, der jemanden kennt, der bla bla bla. Meine nicht vorhandene Segelerfahrung als auch mein zweirädriges Sperrgepäck machen mich nicht unbedingt attraktiver. Trotzdem merke ich, dass es mir durchaus gut tut meine Komfortzone zu verlassen und einfach jeden hier anzuquatschen, der aussieht als hätte er schon mal ein Segelboot von Innen gesehen. Ich erzähle meine Geschichte so oft wie nie zuvor, habe mitunter anregende Unterhaltungen über das Leben im allgemeinen, lausche wildem Seemannsgarn, schnappe Vokabeln auf und lerne einiges über Smalltalk, feste Zusagen bleiben aber aus.

annonce

Nachmittags suche ich in den dafür vorgesehenen Bootsforen im Internet und organisiere weitere Dinge. Nach ein paar Tagen stoße ich so auf den Überführungstörn eines deutschen Bootes, das von den Balearen auf die Kanaren verlegt werden soll. Wenig später telefoniere ich mit Skipper Hartmut, der mir Hoffnung macht, aber erst zusagen will, wenn ich vor Ort das Fahrrad unterbringen kann. Wer jemals auf einem Segelboot war, mag bemerkt haben, dass Platz grundsätzlich ein rares Gut ist. Die 7 Tage bis zur Ankunft des Bootes in Gibraltar verbringe ich mit weiterer Kaltakquise, weiterem Warten und aufkommenden Zweifeln, ob ich mich möglicherweise verrannt habe mit dem was ich hier tue oder zu suchen glaube.

parts2

An einem Mittwochmorgen, exakt 10 Wochen nach meiner Abreise von zu Hause, treffe ich früh am morgen die Crew des deutschen Segelschiffes Istriana mit Heimathafen Hamburg. Weitere drei Stunden später ist mein Fahrrad zerlegt und mit etwas Geschick und Glück im Inneren eines Stauraums im Bug des Schiffes untergebracht. Ich wechsele die Seiten, sitze nun auf dem Boot und merke wie gut sich das anfühlt. Während wir das Schiff für die Überfahrt vorbereiten, kommen viele Bekannte Gesichter über den Steg und ich sehe mich selbst, wie ich bis gestern noch fragend von Boot zu Boot ging. Ich erfahre, dass die „Freibeuter“ die Abfahrt ihres Schiffes wegen technischer Problem vertagen mussten. Von der Last und Ungewissheit befreit nun auf einem Boot zu sein, vergesse ich um ein Haar, dass ich auf den kanarischen Inseln erneut suchen werde. Dazwischen liegen aber fast 900 Seemeilen, wenig Schlaf und mehr als großer Respekt vor der Mächtigkeit des Ozeans. Als wir am nächsten morgen ablegen, um erst 7 Tage später wieder Land zu sehen, versuche ich in der dicht befahrenen Straße von Gibraltar das Schiff der Freibeuter an der Hafenmole zu sichten. Vom Wasser aus lässt sich der Ort leicht ausmachen, jedoch sehe ich dort weder das Schiff, noch herumliegendes Baumaterial geschweige denn Menschen. Ich frage mich, ob sie nun wohl auch unterwegs sind oder ob sie vielleicht gar nicht existieren.

pirates