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Die Eroberung des Unnützen (I)

Als ich auf den kanarischen Inseln nach 800 Seemeilen an Land gehe, habe ich sieben Tage auf See verbracht. Angesichts der Strecke, die noch auf mich wartet, ist die Passage ein eher kurzer Strich auf der Landkarte, aber eben das erste Mal, dass ich überhaupt zur See fahre. Sieben Tage, die eigentlich zu wenig sind, um sich an einen neuen Lebensrhythmus zu gewöhnen, der vollkommen losgelöst von Tages- und Nachtzeit in 4 Stunden Wachschichten unterteilt ist, aber dennoch lang genug, um das Gleichgewichtsorgan so nachhaltig zu verwirren, dass der anschließende Landgang zur Wackelpartie wird. 168 Stunden, die absolut ausreichen, um festzustellen wie eng ein Raum ohne Rückzug sein kann, wenn ein Dauerkonflikt in der Führung der beiden Entscheidungsträger an Bord die Stimmung trübt. 10080 Minuten mit wildfremden Menschen auf engstem Raum und zu zweit in einer stickigen Koje, die in etwa der Größe meines Zeltes entspricht. 604800 Sekunden, in denen ich eine neue Sprache lernen konnte, die sich um Großschot, Genua, Backskiste, anluven, abfallen, eindampfen, fieren usw. dreht. Alles in allem also eine runde Sache mit vernachlässigbaren Unwuchten. Der erste Schritt weg vom Festland hin zur Atlantiküberquerung wäre also gemacht.

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Allem neuen wohnt ein Zauber inne, so sagt man ja. Mehr oder weniger von der naiven Vorstellung beseelt, ein Segelboot fahre ausschließlich mit der Kraft des Windes, erschien mir das Segeln seit längerem als sinnvolle Ergänzung zur Fortbewegung per Rad. Langsames, ressourcenschonendes Reisen in den Fußstapfen derer, die die Welt entdeckten als die Zeit noch relativ war und Luftschiffe mehr oder weniger Science Fiction.

FlugzeugundBoot

Die Vorbereitung für dieses Abenteuer, welches eigentlich ja bloß als Anreise für meine persönliche Entdeckung Südamerikas dienen sollte, war in Ermangelung praktischer Erfahrungen eher literarischer Art. In einem Anflug deutscher Vorsorge für Situationen, die evtl. eintreffen können, bestmöglich vorbereitet zu sein, sammelte ich auf Flohmärkten und im Internet zahlreiche Bücher, die sich im weitesten Sinne mit dem Segeln oder anderen maritimen Projekten auseinander setzten. Einige davon konnte man nur unter freiem Himmel lesen, da sie wohl schon so lange auf staubigen Dachböden und in modrigen Kellern warteten endlich befreit zu werden. Relativ bald verließ ich die theoretische, auf Fakten basierte Segelwelt und legte die seriöse, aber trockene Fachliteratur wie „Segelrouten der Weltmeere“ oder „das kleine 1×1 für Segler“ beiseite und ließ mich in den Bann ziehen von dem Seemannsgarn, welches um all die tollkühnen und liebenswerten Sonderlinge gesponnen wird, die ich dort schon immer vermutete und unbedingt zu treffen hoffte. Rückblickend sehe ich im Segeln durchaus Parallelen zum Bergsteigen für das der Alpinist Lionel Theray einst sehr trefflich konstatierte, es sei „die Eroberung des Unnützen“. Für all jene, denen diese Welt ähnlich fremd ist wie sie mir war, kann ich das charmant geschriebene und äußerst unterhaltsame Buch „Wie man sich allein auf See einen Zahn zieht: Abenteurer, Dickköpfe, Hungerkünstler, Besessene, Unbelehrbare und ihre Bedinungslose Leidenschaft, die Meere zu überqueren – warum und irgendwie.“ von Ebba Drolshagen empfehlen.

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Irgendwann war dann wie so oft klar, dass ich auf ein Segelboot muss, um herauszufinden was dran ist an dem Mythos Seefahrt. Bis dahin konnte ich in den letzten 32 Jahren lediglich auf einer Klassenfahrt im holländischen Eijselmeer praktischen Bootkontakt machen, der aber wegen anhaltender Flaute nichts ist, womit man auf der Bootssuche hier hausieren geht. Um neben guten Geschichten über tollkühne Seefahrer zumindest einen Hauch handfester Fähigkeiten vorweisen zu können, übte ich bei meiner Suche nach einem Boot im Hafen Knoten, die ich dann nie brauchte, las Rezepte, um zu lernen wie man ohne Backofen Brot backt und überlegte, wie man sich an Bord eines Segelschiffes sinnvoll einbringen kann. Umso dankbarer war ich, dass man mir geduldig erklärte was es zu wissen galt, um in meiner Nachtschicht dafür zu sorgen, dass wir weder in ein anderes Schiff hineinfahren noch vom Kurs abkommen.

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So hangelten wir uns auf dieser ersten Passage zu sechst im Vierstundentakt entlang der marokkanischen Küste hinab in Richtung der Kanarischen Inseln. Aufgrund schwacher Windverhältnisse und einem straffen Zeitplan musste auch dieses Segelschiff einen Großteil der Strecke unter Motor zurücklegen. Die langen Motoretappen bei Flaute brachten mit sich, dass nachdem erst der Wind einschlief auch die Dieselvorräte in den Tanks sich dem Ende neigten, während unser Zielhafen Porto Mogan auf Gran Canaria noch zwei Tage entfernt lag. Schließlich landeten wir auf der bezaubernden, beinahe autofreien Kanareninsel La Graciosa zwischen, um die Tanks zu füllen und dann das letzte Stück zum Zielhafen Porto Mogan auf Gran Canaria zurückzulegen.

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Als Porto Mogan dann weitere 24 Stunden später im ersten Licht des Tages aus der Dunkelheit hervortat, war das ein spezieller Moment. In einem Reiseführer las ich, der Hafenort sei das Venedig der Kanaren. Was genau das meinte, konnte ich nicht ergründen, aber vielleicht habe ich das mit Venedig auch irgendwie falsch verstanden. Der kleinste gemeinsame Nenner ist sicher: Pizza und die vielen Touristen. Nach ein paar Tagen in der reizarmen Umwelt des Meeres stellte ich mit Erschrecken fest, dass Deutschland – ohne mein Wissen – doch eigene Kolonien führt.

imperialismus

Was war in der Zwischenzeit geschehen? Im Supermarkt stehen deutsche Produkte und aus den Boxen ertönt deutsches Radio. Auf der Straße begegnen mir deutsche Dialekte und meine Versuche auf spanisch zu bestellen wurden trotz zunehmender Kenntnisse häufig auf deutsch oder englisch beantwortet. Dieser lernarmen Umgebung und den dazugehörenden Hotelanlagen konnte ich unmittelbar entkommen, als das Fahrrad dann wieder zusammengebaut war. Nach kurzem Abschied von der Crew, die sich in alle Himmelsrichtungen auflöste, ging es dann weiter mit dem Fahrrad entlang der bergigen Küste Gran Canarias, von Hafen zu Hafen bis ich in Las Palmas ankam. Dort ist der größte Hafen auf den Kanarischen Inseln beherbergt und es ist eines dieser Nadelöhre für alle, die auf dem Atlantik segeln. Also das ideale Sprungbrett über den Teich, dachte ich. Wie sich herausstellte, war ich auch hier nicht der einzige, der ein Boot sucht. Zuerst galt es also, ein wenig spanisch zu lernen und geduldig zu sein.

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