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Die Eroberung des Unnützen (II) – Hafengeflüster

Genau wie ihre staubigen Verwandten an Land, folgen auch die großen Wasserstraßen, auf denen ich über den Atlantik reise, historisch geprägten Orten. Einst errichtet von mutigen Händlern, Konquistadoren und Entdeckern, waren sie überlebensnotwendige Oasen in der menschenfeindlichen Umgebung der Ozeane. Angeblich hat Kolumbus auf der gleichen Route Amerika entdeckt. Unter Seglern wird sie verniedlicht „Barfußroute“ genannt, denn die Nähe zum Äquator erlaubt Schuhfreiheit. Auch viele hundert Jahre, nachdem die großen Namen wie Kolumbus, Magellan oder Cortez hier lang fuhren, sind Nadelöhre wie die Kanaren, die Kapverden oder die karibischen Inseln, noch immer Anlaufstelle für all jene, die mit dem Wind reisen.

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Wo einst das Fundament für unsere globalisierte Welt gelegt wurde, finden sich heute mehr oder weniger schicke Marinas, die als Yacht-Campingplätze anbieten, wovon ihre Entdecker nur träumen konnten: fließend (Süß-)Wasser, Strom und Internet – der Treibstoff unserer Zeit. In diesen Flaschenhälsen sammelt sich die segelnde Zunft, um sich auf die Eroberung des Unnützen vorzubereiten. Auch die Gruppe jener, die wie ich per Anhalter über den Atlantik wollen, warten an diesen Autobahnauffahrten und Rasthöfen der Weltmeere auf ihre Chance.

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Wann das nächste Boot in die gewünschte Richtung fährt und ob es gewillt ist einen Fremden mitzunehmen, ist ungewiss und alles andere als planbar. Sollte ich ein Boot finden, kann ich morgen schon auf See sein. Wenn nicht, dann bin ich vielleicht in einem Jahr noch hier. Nach mehreren Wochen in verschiedenen Häfen frage ich mich rückblickend, welche Geisteshaltung beim Suchen sinnloser war: 1) zu meinen ich käme schneller weg, wenn ich mich mehr ins Zeug lege oder 2) zu denken es würde etwas passieren, ohne das ich etwas tue. So hält es sich mit dem Traumschiff wie mit dem Fischen: Wenn kein Fisch in der Nähe ist, bringt auch der größte Aufwand kein Ergebnis. Aus der Not habe ich gelernt Boote zu fangen und kann sagen, dass Geduld der wesentlichste Teil der Übung ist. Ein interessanter Nebeneffekt ist, bei allen Hochs und Tiefs, welche die Ungewissheit der Suche so mit sich bringt, dass man vielen verschiedenen Menschen und Lebenskonzepten begegnet – womit sich ein Ziel meiner Reise schon erfüllt, ohne dass ich mich dazu auf der Landkarte bewegen musste.

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Neben spannenden Mitsuchenden lerne ich zwangsläufig auch viele Yachties kennen. So werden die Menschen genannt, die auf Booten unterwegs sind. Die Gründe, warum er oder sie (jedoch meistens er) segelt, sind so unterschiedlich wie die Gefährte, mit denen sie sich über die Ozeane bewegen. Von millionenschweren Penthäusern, die mit Segeln versehen durchs Wasser gleiten, über penibel sauber gehaltene schwimmende Reihenhäuser, bis hin zu dahin treibenden Wohnklos, die selbst bei strahlendem Sonnenschein doch immer nur tot traurig aussehen, gibt es so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann. All diese Gegenstände vereint letztlich nur das Gesetz des Auftriebs, was ihnen die Berechtigung gibt, sich als Wasserfahrzeug bezeichnen zu dürfen. Die Bootsbesitzer sind ein ebenso illustrer Haufen und spiegeln das ganze Spektrum menschlicher Existenz wieder. Wie so oft, wenn man sich die Mühe macht nachzuschauen, trifft man auf verblüffende Unterschiede wo Stereotype vermutet werden. So richtig lernt man sich dann doch erst auf See kennen, wenn kein Platz mehr für die Watte ist, in der wir uns im Alltag einpacken. Doch hier soll es um die glitzernden Farben und Kostüme gehen, in die sich die Spezies der Argonauten, der Seefahrer an Land hüllen: Die Playboys, die Weltenbummler, die Nomaden, die Rich-Kids, die Sinnsucher und wer auch immer noch durch die Gegend gondelt.

Um ein Gefühl davon zu vermitteln, wie bunt dieser Haufen ist, nehme ich dich mit auf die Stege und Pontons, die für mich für Wochen und Monate auf dem Weg über den Atlantik das Sprungbrett in die Welt bedeuteten.

Der Zugang zum Steg stellt bereits die erste Hürde dar, denn in den großen Marinas braucht man eine Chipkarte, um auf den Steg zu gelangen. Es bedarf etwas Geschick sie zu überwinden, das gehört aber noch zum einfachen Teil. Nach ein paar Tagen steht mein Netzwerk im Hafen und ich habe Glück, denn das erste Boot an diesem Ponton 4 (von 10) wird von einer Familie bewohnt, deren zwei Kinder noch so viel Vertrauen in die Welt haben, dass sie Fremden bereitwillig die Türe öffnen. Sie wohnen auf einem wunderbaren roten Stahlboot Typ „Ketsch“, das im Hafen eine gewisse Berühmtheit genießt, da es auf einer unter Seglern bekannten Antarktisexpedition seinen Schneid bewiesen hat. Einmal auf dem Steg, empfiehlt es sich nichts zu überstürzen und möglichst unauffällig, aber doch in seiner Sache wahrnehmbar, von Boot zu Boot zu gehen und festzustellen wo Potentiale brach liegen.

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Gut ist immer, wenn man bereits einen der Yachties kennt, so kommt man sich nicht ganz so verloren vor. An diesem Ponton heißt meine sichere Bank Peter aus Deutschland, dessen Boot am Ende des Stegs liegt. Er ist mehr oder weniger alleine unterwegs und das schon seit 60 Jahren. Und wahrscheinlich weiß nur der Ozean wie oft er schon über den Atlantik gesegelt ist. Vermutlich 60 mal. Er lebt in der Karibik und wird zwischen 75 und 120 Jahren alt sein, hat ein Gesicht, das überwiegend aus Bart besteht, in welches das Leben zwei funkelnde Augen eingelassen hat, die nur jemand tragen kann, der die Welt gesehen hat. Peter lebt bescheiden. Während die grimmigen Russen vom Boot nebenan Champagner trinken, gibt es bei ihm nur handwarmes Bier, das er brüderlich mit Besuchern teilt.

Auf dem Weg zu ihm treffe ich ein älteres österreichisches Pärchen, das seinen Lebensabend auf einer luxuriösen Yacht verbringt und deren flüchtige Bekanntschaft ich schon in Gibraltar machen konnte. Ich grüße im Vorbeilaufen und erfahre ohne es zu wollen, dass sie höchst unzufrieden mit der insulanischen Servicementalität sind. Bestellte Ersatzteile für die Bootsklimaanlage ihres schwimmenden „Schloss“,wie sie es nennen, sind hier nur schwer zu bekommen. Afrikanische Verhältnisse nuschelt das Männchen, Service-Wüste flucht das Weibchen. Ich nicke verständnisvoll, verliere meine Aufmerksamkeit aber an quer über den Steg laufende Hühner, denen zwei Franzosen nachstellen.

Die Hühner, ihre Verfolger und zwei weitere Mittzwanziger wohnen auf einem Schiff, das mit dem Ziel, keinen Müll zu produzieren, die Weltmeere bereist. Ein spannendes Projekt wie ich finde, denn der Müll ist omnipräsent, auf dem Land wie auf See. Sie erklären mir ihr Konzept und ich bestaune Kompost, Hühnerstall und tibetische Gebetsfahnen. Von ihrem Boot aus sehe ich drei kleine Jollen, die im Rahmen einer Kleinbootregatta über den Atlantik segeln. Neben ihren großen Nachbarn aus Stahl, Aluminium und Glas-/ oder Kohlefaser wirken sie grotesk, als wären sie einer Modelleisenbahnlandschaft entliehen. Eines dieser Exemplare steht zum Notverkauf. 2.500€ soll es kosten und die Interessenten stehen angesichts dieses Sonderpreises Schlange.

Entspannt liegt nebenan in der Nachmittagssonne das illustre Boot von Lasse, einem Schweden, dessen Hose irgendwie immer etwas zu eng ist und dessen Hemd selbst für kanarische Verhältnisse zu viel seines Bauches preisgibt. Er hat eine auffällig sarkastische Art und immer einen derben Witz auf den Lippen. Für einen kurzen Augenblick halte ich seine Aussage, in Afrika eine Frau zu kaufen, für einen eben solchen. Als sich herausstellt, dass er das allerdings ernst meint, sehe ich mich mit der Frage konfrontiert, um welchen Preis ich mitgenommen werden will. Ähnliches gilt für einen Österreicher, der zwar in die Richtung segelt, in die ich möchte, dessen braune Weltanschauung aber schon an Land nur schwer zu ertragen ist.

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Noch in Gedanken darüber wie verzweifelt ich sein müsste, um ein solches Schiff zu besteigen, höre ich ein paar Meter weiter meinen Namen. Es ist Jan, Mitte 40, rasierter Schädel und goldener Schneidezahn. Ohne einen Stilbruch zu begehen, könnte er auch mit Augenklappe und Papagei auf der Schulter rumlaufen. Seine Interpretation eines Piratenschiffs ist einer der großen Plastik-Katamarane, auf dem er und seine Familie leben und um die Welt segeln. Als Alleinstellungsmerkmal hat er eine Piratenflagge gehisst. Da die Kinder gerade Mittagsschlaf halten, spricht er im Flüsterton. Nach vorangegangenem Vorstellungsgespräch soll wohl heute der Tag sein, an dem ich erfahre, ob ich mit ihnen kommen kann oder nicht. Während Jan von einem Bein aufs andere hüpft erklärt er mir, dass sie sich bedauerlicherweise für jemand anderen mit mehr Erfahrung entschieden haben. Begleitet von einem Schulterklopfer sagt er, mich aber für den Notfall auf der Warteliste zu lassen. Kein Problem, versuche ich mir einzureden, immerhin bin ich im Gespräch. Ich wünsche eine gute Reise, gehe etwas orientierungslos weiter auf dem wackelnden Untergrund des Pontons und riskiere einen Beinahe-Zusammenstoß mit John einem Neuseeländer, der in der tiefstehenden Nachmittagssonne mit seinem Rollstuhl über den Steg rollt.

Wir haben uns schon in einer anderen Marina kennengelernt und er hat sich über den üblichen Yacht-Smalltalk hinaus als interessanter, aber auch sehr redseliger Gesprächspartner mit einem Hang zur Philosphie entpuppt. Einmal in Rage, kann eine Debatte mit ihm, Sokrates und Spinoza tagesfüllend sein. Ich ergreife die Gunst der Stunde und bitte ihn um ein Interview. Er ist die zehnte Person, der ich auf dieser Reise vor laufender Kamera Fragen stelle. Immer dann, wenn ich mich traue und auf unstetige Lebensläufe treffe, frage ich nach, will wissen was ihn oder sie antreibt, woran sie wachsen, wovor sie sich fürchten und was ihr Lieblingsessen ist. Was ich mit den gesammelten Daten einmal anfange, ist noch nicht ganz klar. Aber wer würde einem, der loszog um das Unnütze zu erobern, daraus einen Vorwurf machen? Eines ist jedoch sicher, jedes Interview ist etwas besonderes für mich und ich hüte die Aufnahmen wie meine Augäpfel. Meine Lieblingsfrage ist die, wie sich mein Gesprächspartner als Kind die persönliche Zukunft vorgestellt hat. Mich interessiert, was aus den Träumen geworden ist und was das Kind von damals über den heutigen Lebensstil sagen würde. Wir sitzen in der Brücke von Johns schnittigem Boot. Alle Polster und Flächen sind mit Schutzfolie versehen. Eine Sicherheitsmaßnahme, die gewährleisten soll, dass sein Zuhause auf der Reise nicht an Wert verliert. Das Konzept dieses smarten 40gers ist es, Boote auf der einen Seite der Welt zu kaufen, auf ihnen die Weltmeere zu durchkreuzen und sie dann gewinnbringend an anderer Stelle zu verkaufen. Dazwischen ist er in Auseinandersetzung mit sich und der Welt, denn er segelt ausschließlich alleine. Mittlerweile ist er in seinem zehnten Segeljahr. Auf die Frage nach seinen Träumen fällt er für einen kurzen Augenblick in konzentrierte Stille. Er erzählt, dass er als kleiner Junge davon träumte ins Weltall zu fliegen und fremde Welten zu entdecken. Auf dieses Ziel hat er jahrelang konsequent hingearbeitet. Als der Tag der Entscheidung kam, war er aber doch ein paar Zentimeter zu klein, um den Belastungen eines Jetpiloten standzuhalten. Was folgte war eine Karriere als Fallschirmspringer, die bis zu einem Unfall mehrere tausend Sprünge hervorgebracht hat. Das erzählt er und wird wieder leise. Was ist also aus seinem Traum geworden, hat er ihn aufgegeben?

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Als er nach einer gefühlten Ewigkeit die Sprache wiederfindet, sagt er mit einem breiten Lächeln, dass er selbst erst jetzt in diesem Moment erkennt, dass er seinen Kindheitstraum doch hat wahr werden lassen. Und das, ohne jemals die Erde verlassen zu haben. Er bereist die Ozeane und kommt in die entlegensten Winkel dieser zwar entdeckten, aber doch überwiegend unbekannten (Wasser-) Welten und genießt sein einsames Leben, das Raum zum Nachdenken lässt. Dass er keine funktionierenden Beine mehr hat, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wir kommen zu der Erkenntnis, dass es vielleicht sinnvoller ist, zu versuchen die Sehnsucht hinter den persönlichen Träumen zu verstehen und zu erfüllen, als blind einem Bild von etwas hinterherzulaufen und vielleicht irgendwann aufzugeben.

Ich bedanke mich, nehme mein Bündel und die Kameras, mit denen ich das interview aufzeichne und kletter von seinem Boot. Es ist lange dunkel geworden und noch immer ist nur Land in Sicht, während mein Traumschiff auf sich warten lässt. Ich gehe langsam zurück vorbei an den Booten, die ich heute besucht habe und stelle fest, dass das ein guter Tag war. Was für ein Leben!

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