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Die Eroberung des Unnützen (III) – InTEAMitäten

Ohne den Unfall in der Küche, dessen Spuren mich bis ans Festland begleiten und die kleine Papiertaube, die ich später in mein Tagebuch klebe, wäre es wohl ein ganz normaler Tag auf einem Segelboot gewesen. Die etwas in die Jahre gekommene Rennyacht, auf der ich mich befinde, ist mein insgesamt viertes Schiff und ich hoffe, dass sie mich von den karibischen Inseln an das zentralamerikanische Festland bringen wird. Nach beinahe vier Monaten, die ich aufgebracht habe, um den Atlantik zu überqueren, verschwimmen einzelne Situationen zu einem Wust aus Momenten von Hochs und Tiefs, Einsamkeit und Nähe, Tag und Nacht, Essen und Schlafen. Zeit zur Rückschau einer 8000km langen Segelreise.

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In vielen Momenten erlebe ich die Schönheit der friedlichen Fortbewegung, angetrieben von seichten Passatwinden durch das finstere Wasser der Nacht zu gleiten. Während im aufgewirbelten Heckwasser phosphoreszierende Algen tanzen, beobachten uns Millionen von Sternen, deren Antlitz unmissverständlich zur Demut auffordert. Regelmäßig fallen Sternschnuppen vom Himmel und mein Vorrat an Wünschen ist in der reizarmen Atmosphäre des Ozeans längst aufgebraucht. Oft bin ich in der Dunkelheit alleine an Deck, auf Nachtwache oder eingekuschelt ins Vorsegel auf dem Vorderdeck. Manchmal aber auch in Gesellschaft meiner Mitsegler.

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Während ich Position und Kurs ins Logbuch eintrage, höre ich den Teekessel pfeifen. Einen Augenblick später erscheint Skipper A mit zwei Tassen Tee an Deck und für einen Moment riecht die immer gleich salzige Seeluft plötzlich nach Earl Grey und einem Schuss Kondensmilch. Nach den vielen Begegnungen auf engstem Raum ist längst besprochen was zu besprechen wäre. Wir kennen uns. Was bleibt sind 4 müde Augen zweier Menschen, die gemeinsam in die dunkle Nacht schauen und das Universum bestaunen.

Nur einen gefühlten Augenblick später finde ich mich tausend Seemeilen weiter auf einem der anderen Schiffe wieder. Der noch immer gleiche Ozean zeigt nun ein anderes Gesicht, hat all seine Friedlichkeit verloren und es kommt mir vor als hätten sich die Elemente gegen uns verschworen. Es schaukelt gewaltig und inmitten von meterhohen Wellen, die auf das Boot niedergehen, kommen Zweifel auf über die Sinnhaftigkeit der Eroberung des Unnützen. Die Kleidung klebt nass am Körper, Windböen zerren unablässig an den Segeln und der Mast pendelt knarzend hin und her. Skipper B flucht, schreit und gestikuliert wild. Unsicherheit macht sich breit. Zwar auf Kurs, aber dennoch führerlos, treibt das Boot über den Atlantik. Die Tragweite seiner Nervosität habe ich unterschätzt. Man lernt sich eben erst im Sturm so richtig kennen. Nachdem alles getan ist, um den materiellen Schaden gering zuhalten, bleibt nichts als die „tosende Stille“, wie manche es beschreiben, auszuhalten.

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Doch was tun, wenn die Atmosphäre an Bord verloren ist und das Kind im Brunnen liegt? Beinahe grotesk wirkt der Versuch mit unserer High-Tech-Nussschale den Elementen zu trotzen. Dennoch ist es möglich. Nur ist das glückliche Gelingen vielleicht viel weniger eine Materialfrage als eher das Zusammentreffen von Menschen, die miteinander können. Denn viel fragiler als das Material und die oft diskutierte Frage, ob nun Stahl, Aluminium oder Kunsstoffrumpf besser sind, scheint mir die Stimmung an Bord zu sein. Je extremer die Situation, desto wichtiger wird das Zwischenmenschliche. Um das herauszufinden, musste ich nicht erst Schiffbruch erleiden.

Und dann, einen weiteren Moment und ein weiteres Boot später, liege ich ohne Hose, bäuchlings in der Küche der Discoverer. Der enge Raum im Bauch des Schiffes ist geschwängert vom Wasserdampf, der nun mal entsteht, wenn man für 13 Leute Pasta kocht. Einst gebaut für ein Rennen um die Welt, ist das Schiff ohne jeglichen Schnick-Schnack ausgestattet. Kein Eck ist verschwendet, Design folgt Funktion – radikal. Statt luxuriöser Kojen, mit weichen Polstern gibt es Feldbetten, keine Klimaanlage, keinen Autopilot. Jeder Handgriff ist analog, menschlich und echt. Das Boot wurde für das Projekt „the longest swim“ (www.thelongestswim.com) gekauft und soll Ben Lecomte`s Pazifikdurchschwimmung begleiten. Für dieses beeindruckende Projekt wird die Discoverer nach Tokyo überführt um dann ein halbes Jahr lang mit dem Schwimmer im Pazifik unterwegs zu sein. Um ein Haar wäre ich in Panama nicht ausgestiegen, sondern weiter mit gesegelt. Doch das ist eine andere Geschichte.

Zurück zur Pasta. Die Nahrungsaufnahme gehört zu den wenigen so enorm wichtigen Ritualen, die auf solch einem Schiff bleiben. Kulinarisches Teambuilding sozusagen. Während die Sonne nach einem heißen Tag nur noch eine Hand breit über dem Horizont steht, ist die Stimmung ausgelassen, denn bald ist Essenszeit. Bis eben stand ich am Steuer und bin auf dem Weg in die Küche, um den von der Karibiksonne ständig dehydrierten Körper mit Flüssigkeit zu versorgen. Auf dem freischwingenden Herd, der elegant die Schiffsbewegungen ausgleicht, steht das kochende Wasser kurz vor dem Siedepunkt. Der Szenerie den Rücken zugewandt zapfe ich Trinkwasser. Dann geht alles recht schnell. Eine Windböe bringt das Boot stark in Schräglage und bevor ich fühlen und denken kann was gerade passiert, hat mein Hirn reflexartig mit einem Schrei reagiert. Erst jetzt spüre ich den brennenden Schmerz und verstehe, dass ein Schwall des kochenden Wassers auf mich geschwappt sein muss.

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Direkt sind helfende Hände zur Stelle und ich werde sachte, aber bestimmt von meiner Hose befreit und bäuchlings auf dem Polster einer der durchgesessenen Bänke in der Messe niedergelegt. Ich versuche mich etwas herunterzufahren, erinnere mich an die Vorzüge der tiefen Bauchatmung, während geschulte Hände Verbrennungen an Hüfte und Beinen inspizieren und alles tun, um den Schaden zu begrenzen. Als ich mich umdrehe, sehe ich, dass neben einer medizinisch geschulten Mitseglerin Skipper C an vorderster Front erste Hilfe leistet. Aus dem großen gelben Koffer zaubert er Spezialpflaster hervor und der gesamte Eisvorrat wird aufgetragen, um ein paar Quadratzentimeter meiner Haut zu retten. Meine Helfer arbeiten konzentriert und es fällt mir leicht ihnen zu vertrauen. Was sollte ich auch sonst tun?

Nach einer Weile hat wohl jeder im Team meine durchgesessene, löchrige Fahrradunterhose gesehen und ist zurück auf seinen Posten gekehrt oder ins Bett gegangen. Nur der Skipper und ich sind zurückgeblieben. Während ich in meiner Position verharre, putzt er die Küche und backt Brot für 13 Leute. Aufgaben, die man nicht unbedingt in Verbindung mit seiner Position an Board bringt. Dabei plaudern wir und ich werde das Gefühl nicht los, dass er hier ganz persönlich Verantwortung dafür übernimmt, dass es mir auf seinem Schiff gut geht.

An diesem Abend und in einigen weiteren Gesprächen reden wir über die Kunst, Menschen zu führen. Das Thema interessiert mich schon länger brennend und er hat trotz seiner gerade einmal 27 Jahre in einigen Situationen bewiesen, dass er etwas davon versteht. Vieles hat er wohl am eigenen Leib erfahren, als er bei einer Regatta um die Welt teilnahm und von den Fehlern anderer lernen konnte.

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Einer seiner Grundsätze ist, Situationen ruhig zu beobachten und nur einzugreifen, wenn es wirklich notwendig ist. Das schafft Selbstvertrauen im Team und verbraucht die begrenzte Führungsenergie nicht unnötig. Gleiches gilt für die Art und vor allem für die Lautstärke seiner Ansprache. Niemand wird gerne angeschrien. Und wie soll sich jemand, der bereits in Standardsituationen die Stimme hebt, denn steigern ,wenn es wirklich einmal brennt?
Ich erinnere mich an Skipper B, an Chefs, an Lehrer und an mich selbst in Momenten der verbalen Führungslosigkeit und wünsche mich in Zukunft so zu verhalten, wie ich selbst behandelt werden will.

Ein weiterer Grundsatz ist, dass jeder von uns gleichwertiger Teil der Crew ist. Das beginnt damit, dass alle das gleiche Sicherheitsequipment haben – ohne Ausnahme – und endet damit, dass jeder – vom Anfänger ohne Segelerfahrung bis hin zum erfahrenen Yachtmaster – an allen seglerischen Handgriffen beteiligt ist. Alles wird genau erklärt und in dieser lernfreundlichen Atmosphäre können wir uns auf Augenhöhe begegnen. Das nimmt auch die Angst davor Fragen zu stellen oder Fehler zu machen.

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Über der Treppe hängt ein ausgeblichener gelber Aufkleber: „One Team – One Dream“ ist darauf zu lesen. Als ich zum ersten Mal daran vorbei ging, musste ich ob der Plumpheit des Satzes schmunzeln. Nach nur 10 Tagen an Bord kann ich aber sagen, dass ich mich selten so sehr als Teil eines Teams gefühlt habe und nicht bloß als Gast auf einem Segelschiff wie zuvor.
Bevor ich meine Bauchlage verlasse und in die Kabine humpel, schenkt mir Skipper C eine gefaltete Origami Taube aus Papier. Jeden Tag sehe ich ihn am Navigationstisch, darin vertieft ein anderes Exemplar zu falten, welches er dann an die Crewmitglieder verschenkt. Ob das ein weiteres Detail seiner Führungskunst ist, weiß ich nicht, aber schaden tut es sicher nicht in einer Welt, die so arm ist an Lob und Gesten der Wertschätzung.

Endlich in meiner Koje, versuche ich möglichst wenig der verbrannten Haut in Kontakt mit dem rauhen Stoff des Feldbetts zu bringen. Ich frage mich, was wohl der Schlüssel dazu ist, dass ich mich auf einem Boot selbst mit verbrannten Beinen wohl fühle, während ich auf einem anderen wesentlich komfortableren Boot gar nicht abwarten konnte wieder an Land zu gehen. Bevor ich einschlafe komme ich zu dem Schluss, dass es wohl an den Menschen liegen muss, die mich umgeben, an der Art wie wir kommunizieren und an der Person, die uns anführt. Und auch wenn der Fisch allgemein hin vom Kopf weg stinkt, wäre es trotzdem zu einfach zu behaupten, die gute Atmosphäre an Bord sei reine Chefsache.

Mit ein bisschen Abstand stelle ich fest, dass auf dem engen Raum, der auf einem Segelschiff bleibt, neben dem Schlafentzug und all den kleinen Unannehmlichkeiten doch die größte Herausforderung darin besteht, sich selber auszuhalten. Das setzt voraus, dass ich mich selbst als Team begreife und nicht den übermüdeten Philipp, dem hungrigen Philipp, dem Heimweh-Philipp, oder dem was-auch-immer-nervt-Philipp das Kommando zur Führung überlasse. Es gibt jedenfalls reichlich Möglichkeiten sich auf einem Segelschiff, wo die Projektionsflächen nun einmal rar sind, selbst zu begegnen.

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Am nächsten Tag frischt der Wind auf, die Wellen werden größer und schwappen hin und wieder an Deck. Während wir mit unserer 20 Meter großen Discoverer mit unfassbaren 12 Knoten durch die Wellen pflügen, kommt meine Zeit am Steuer. Ich bin ein bisschen nervös, auch wenn ich das Schiff schon einige Stunden gelenkt habe. Ruhig, verständlich und sachlich erklärt mir mein Vorgänger am Steuer worauf zu achten ist, damit das Schiff auf Kurs und die Segel unter diesen Bedingungen „glücklich“ bleiben, während der Mast meterweit von links nach rechts taumelt. Die Arbeit am großen Steuerrad ist unter diesen Bedingungen weitaus anstrengender als ich dachte, aber nach ein paar Minuten und der richtigen Einführung habe ich begriffen wie das geht. Und besonders der Umstand, dass man mir zutraut das Schiff zu steuern führt dazu, dass ich selbst auch daran glaube und es tatsächlich klappt. Bis dato war ich mir nicht ganz sicher, ob ich Segeln wirklich mag. Doch in diesem seltenen Moment, in dem die Realität tatsächlich einmal zu dem passt, was ich mir unter Segeln vorstellte, hake ich das transatlantische Segelabenteuer mit einem Lächeln ab.

One Team – One Dream!

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