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in Blog, Reiseberichte

Unter Fremden und Freunden.

Es ist einer dieser kalten Abende, die im März noch vorkommen können. Draußen donnert es und es fühlt sich an, als regnete es schon seit Jahren. Wann der Frühling wohl endlich kommen mag? Die Zeitung liegt aufgeschlagen auf dem Tisch und mit Ärger stellst Du fest, dass die große alte Uhr an der Wand schon wieder falsch geht. Während deine Augen über das traurige Papier gleiten fragst Du dich, wo die Sorglosigkeit und Leichtigkeit frühere Jahre geblieben ist. Ein Klingeln an der Tür bahnt sich den Weg Durch das Geräusch prasselnder Regentropfen am Fenster und die Schicht trüber Gedanken in deinem Kopf.

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Abends wenn es dunkel wird…

Eingenommen von sanfter Lethargie verweigert dein Körper die Bewegung für einen Moment, bevor die Neugierde dich dann doch in Richtung Tür treibt. Durch den Spion erkennst du in der Dunkelheit die Umrisse einer fremden Gestalt. Es ist nicht Edward Snowden – ist der eigentlich noch im Exil? Allerdings auch nicht Osama bin Laden – der ist tatsächlich tot, oder? Du bist verunsichert. Einen Moment ruht deine Hand zögernd auf dem Knauf, trotzdem öffnest Du die Türe. Vor dir steht ein junger Mann, gehüllt in bunte Regenkleidung, pitsch-nass und schmutzig. Mit einem müden Lächeln im Gesicht sieht er weder aus als sei er auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch, noch als sei er auf der Flucht. Du erinnerst dich daran, dass dir jemand auf dieser Seite im Internet geschrieben hat, die deine Freunde dir empfohlen haben. Irgendetwas mit Sofa oder so. Aber wollte er denn heute schon kommen? Du überlegst wie Du dich verhalten sollst und fast wie von selbst geht dir ein „schön, dass Du da bist“ über die Lippen. „Komm herein, Du musst hungrig sein“.

So sitze ich also da, in deinem Zuhause. Wir kennen uns nicht, doch ich habe das Gefühl, dass man Gäste hier schätzt. Ich versuche so wenig wie möglich des weichen, sauberen Sofabezuges mit meiner nassen Hose zu berühren und hoffe, dass nur ich meine Schuhe riechen kann. Mit einem warmen Getränk in meinen Händen suche ich in meinem müden Kopf nach den wenigen Worten, die ich in deiner Sprache kenne. Auf vergangenen Reisen waren es Worte auf Serbisch, Bulgarisch, Türkisch, hin und wieder Persisch, auch Russisch, sogar Chinesisch, oder Hindi sprachen wir miteinander, doch das ist länger her. Auf dieser Reise ist es häufiger Französisch, Englisch und seit einigen Wochen nur noch Spanisch, und man könnte meinen, es mache die Sache leichter. Du zeigst mir das Bad und gibst mir Zeit, die Zivilisation in Form einer Dusche und des letzten Hemdes, das nur einen Fleck auf der Rückseite hat, wieder in mein Leben einzuladen. Wir teilen ein einfaches Essen und Du erzählst mir von deiner Welt, während ich dir von meiner erzähle.

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Bei Fremden zu Hause.

Interessiert fragst Du, ob ich auf meiner Reise denn nicht auch manchmal Angst habe vor dem was man so hört – die Welt ist ja wirklich unsicher geworden, oder?

Einen Augenblick lang herrscht Stille, ich drifte ab in die Welt meiner Erinnerungen an Begegnungen mit fremden Freunden in Ländern, aus denen man nur selten Gutes hört. Würde die große Uhr im Hintergrund nicht ticken, könnte man meinen die Zeit stünde still. Dann erinnere ich mich an meine Tage in Kolumbien und fange an davon zu erzählen.

…ich bin gerade erst wieder unterwegs und noch in der Umstellungsphase ans Alleinsein in einem Land voller Berge, überschwänglicher Religiösität und anderer Widersprüche. Kolumbien, lange Zeit das Sorgenkind Südamerikas, regiert von Drogenkartellen, rechten wie linken Guerillas und Durchdrungen von Korruption. Selbst für Kenner ist nur mit Mühe und einem großen Blatt Papier rekonstruierbar, wer hier alles sein Unwesen getrieben hat. Irgendwie ende ich auf der Internetseite des Auswärtigen Amts, das ebenfalls überfordert scheint mit dem Land im Norden Südamerikas. Die Fachleute dort warnen Touristen u.a. vor Landminen und Kidnapping. Taxifahrten mit Fremden und Kontakt zu eben solchen sollten ebenfalls vermieden werden. Da kriegt man so richtig Lust auf Radfahren und wild campen, oder? Dann doch lieber zurück zur Realität, bevor ich unter dem Eis, in das ich hier eingebrochen bin, verloren gehe.

Das Letzte was ich sah bevor die schwarze Wolke mich umhüllte, war die zweidimensionale Gestalt eines weißen, europäisch wirkenden Mittdreißigers. Saubere Kleidung, gepflegtes, kosmopolitisches Auftreten, die langen Haare leger und offen nach hinten gelegt. Trotz der Löcher in seinen Händen wirkt er eigenartig entspannt. Gleich neben ihm drückt ein kleines Mädchen mit indigenen Gesichtszügen ihre Nase gegen die von innen beschlagene Busscheibe. Ihr Gesicht ist bunt angemalt und um ihren Hals baumelt ein kleines silbernes Kreuz. Dann wird es Dunkel und das Wummern des veralteten V8-Motors entfernt sich langsam von mir. Als die Wolke mich wieder entlässt, biegt der Bus in eine Seitenstraße ab.

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Wenn der Heiland Bus fährt.

Was bleibt ist ein Kratzen im Hals und das Bedürfnis nach einer Pause. Am Stadtrand entdecke ich hinter einer Reihe großer Bäume eine kleine Kirche, in deren Schatten ich Rast suche. Während ich eine Papaya von ihrer Schale befreie, treten zwei blaue Gummistiefel näher, getragen von einer winzigen Frau mit einer gemessen an ihrer Körpergröße unfassbar großen Machete. Ihre Gestalt, die weichen Züge und die leuchtenden Augen, lassen Assoziationen an Meister Yoda aus Star Wars aufkommen und ich bin gespannt auf eine Lektion. Sie fordert mich auf nach meiner Rast in die Kirche zu kommen. Dort finden gerade die Vorbereitungen zur Semana Santa, der Osterwoche, statt. Mit der verinnerlichten Papaya gehe ich wenig später in die alte, sehr einfach eingerichtete Kirche und sehe, dass der junge Mann von der Scheibe des Busses offensichtlich auch hier „abhängt“. Die ältere Dame naht heran, nimmt unangekündigt meine Hände in die ihren und murmelt ein Gebet. Bevor sie mich entlässt, leuchten ihre Augen noch eine Note heller auf und ihr Kopf kommt näher. Flüsternd sagt sie, dass hier gute Menschen leben und ich zur rechten Zeit unterwegs bin. Sie begleitet mich zu meinem Fahrrad und schenkt mir eine Kette mit einem silbernen Kreuz daran. Etwas verlegen befestige ich das Kreuz an meinem Fahrrad. Seitdem fährt der junge Mann also auch bei mir mit und erinnert mich an die Worte von Meister Yoda…

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Yoda und ich.

Nachdenklich füllst Du meine leere Tasse auf und fragst, wo ich denn sonst so schlafe und was für Menschen mir dabei begegnen.

…aus den flachen Ebenen der Karibik stieg die Straße in den letzten Tagen konstant nach oben. Zwischen unzähligen LKWs und Bussen drücke ich mich vom Meeresniveau hinauf auf 3000m und versuche meinen Platz im Verkehr zu finden. Nur der Dunkele Teint meiner Arme erinnert an die karibische Sonne, unter der ich mich die letzten Wochen bewegt habe. Begleitet von Nebel und Nieselregen erkennt man nur manchmal das Idyll der wolkenverhangenen Berge, die mich in allen Richtungen umgeben. Beim Plausch an einem der regelmäßigen Militärposten erfahre ich, dass hier vor 5 Jahren noch die Paramilitärs das Sagen hatten und das Passieren nicht ohne weiteres möglich war.

Etwas eingeschüchtert von all den Sicherheitshinweisen, habe ich mich in den letzten Nächten an Tankstellen herum getrieben. Dort kann man zumeist sicher übernachten. Der nette Tankwart hat mir sogar ein Frühstück ans Zelt gebracht, einer der schönen Momente des Tages, der danach keine Regenpause mehr einlegte. Mit der Aussicht, heute Abend in einem warmen Bett zu schlafen, kurbel ich mich weiter Durch die nicht enden wollende Berglandschaft Kolumbiens, während es in der Ferne heftig gewittert.

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Reisen in der „inoffiziellen“ Regenzeit.

Über das Fahrradnetzwerk duchas-caliente (=warme Dusche) habe ich Kontakt zu Lenin aufgenommen, der auf meine Anfrage nach einer Übernachtungsmöglichkeit kurz und knapp antwortet: komm wann Du willst, sollte ich nicht da sein, die Hintertüre ist offen, mi casa es tu casa (mein Heim ist dein Heim), gute Fahrt! Was soll man da sagen.

Während ich monoton bergan strampele, schält sich eine Art Rasthof aus dem Nebel, der von den riesigen parkenden Sattelschleppern belagert wird. Ich esse zurückgezogen in einer Ecke, bin aufgrund der vorangegangen Anstrengung nur mäßig kommunikativ und in meinen Teller vertieft, habe aber das Gefühl, beobachtet zu werden. Als ich zurück zum Fahrrad gehe, kommt ein Kolumbianer auf mich zu. Mit seinem etwas aus der Mode gekommenen Oberlippenbart und dem Auswärtigen Amt im Kopf hege ich kurz Verdacht auf einen Hinterhalt, Kidnapping oder so was. Er fragt woher ich komme, schüttelt mir die Hand und drückt mir einen Geldschein in eben diese. „Für’s essen“, sagt er, „weiter so mein Sohn“. Etwas verdutzt will ich erwidern, dass das nicht nötig sei, doch da ist er auch schon wieder im Rasthof verschwunden. Später fährt er noch einmal an mir vorbei und alle Insassen des Autos winken wild. An die letzten Kilometer hin zu Lenins Haus habe ich keine Erinnerung, drehten sich meine Gedanken doch um die zu vor erlebte „Realität“.

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Lenins entspannte Mitbewohner.

Bei Lenin ist tatsächlich – bis auf seine drei freundlichen Hunde – niemand zu Hause. Sie begrüßen mich als sei ich einer von ihnen. Wie beschrieben ist die Türe offen gewesen und ich setze mich an den Tisch des Hauses, schaue mir die Bilder an der Wand sowie die Diplomurkunden der Medizinischen Fakultät in Medellín an. Lenin und seine Frau sind demnach Mediziner. Als das Paar mit Kindern zurückkehrt, plaudern wir etwas und Lenin fragt mit einem Augenzwinkern wie viele Wochen ich denn bleiben werde. Verlegen runde ich die geplante einmalige Übernachtung um eine weitere auf und er erzählt mir von einem Mexikaner, der ebenfalls mit zwei Tagen anfing und vier Monate blieb. Dann richte ich mein Bett ein und meine Gastgeber eilen zur Nachtschicht ins Krankenhaus mit den Worten, der volle Kühlschrank gehöre mir. Ich gehe früh zu Bett und wache ebenfalls früh auf, weil aus dem großen Garten Geräusche zu vernehmen sind. Ein Blick Durch das Fenster zeigt Lenin, der trotz Nachtschicht mit Morgenfrische im Garten herumhantiert. Als ich das Zimmer verlasse, werde ich mit einer obligatorischen Tasse warmen Tinto (kolumbianisch für Cafe) begrüßt und biete an, ihm zur Hand zu gehen. Schlussendlich artet die Gartenarbeit darin aus, dass ich drei Schubkarren Unkraut jäte und helfe einer einsamen Marienstatue im Maßstab 1:2, die in keinem kolumbianischen Garten fehlen darf, ein Dach über dem Kopf zu bauen. Außerdem jubeln wir einer Gans, die seit Wochen vergeblich auf ihren Eiern herum brütet, Enteneier unter, in der Hoffnung, sie könne mehr Glück damit haben. Am Abend falle ich unfassbar müde ins Bett.

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Gartenarbeit in Kolumbien.

Nach einem wunderbaren Abschied mit handgezeichneten Landkarten für die Region und einer Liste an Kontakten zu Freunden in ganz Kolumbien entlässt mich Lenin zurück auf die Straße. Wenige Kilometer später holt er mich auf seinem Motorrad hupend, ein um mir einen Sack voller Obst in die Hand zu drücken. Er hatte das Gefühl, ich esse nicht genügend.

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Bautrupp “ Mother Mary“

Unser Gespräch führen wir in der Küche fort. Du spülst, ich trockne ab. Da ich ja aktuell keinen Haushalt habe, erfreue ich mich an den sonst so unliebsamen Arbeiten. Während Du die große Pfanne abspülst, fragst Du mich, ob es denn auch möglich sei als Gast etwas zurückzugeben. Was haben die Menschen denn eigentlich davon einen Fremden aufzunehmen?

Gute Frage, wie ich finde. Es stimmt ja, die meisten Leute, die ich kenne, sind sehr beschäftigt, haben einen voll gepackten Terminkalender und sicher weder Geld noch Zeit zu verschenken.

…genau wie Pedro, bei dem ich über eine Woche in Medellin gewohnt habe. Ihn habe ich über das Internet-Netzwerk Couchsurfing kennengelernt. Er leitet eine Firma mit 400 Angestellten im ganzen Land, hat eine tolle Familie und hilft mit Begeisterung wo er kann. Als er einmal spät abends nach Hause kommt, habe ich ihn bei einem Glas Rotwein gefragt, warum er sich diese Mühe macht. Während er nachdenklich sein Glas schwenkt, beginnt er von seinen eigenen Reisen zu erzählem und dem Wunsch, etwas von der erfahrenen Herzlichkeit zurückzugeben. In Zeiten, in denen er nicht reisen kann, ist das seine Medizin und ein Luxus den er nicht missen will. „Fremde in mein Leben zu lassen ist wie zu reisen, ohne dass ich dazu wegfahren muss“, erklärt er. Jeder neue Gast bringt eine neue Perspektive, eine neue Kultur und seine Geschichte mit. Und vielleicht trägt die Gastfreundschaft auch dazu bei das Bild Kolumbiens zu verbessern. Das ist mein Beitrag am Friedensprozess sagt der sonst eher zurückhaltende Mann mit sichtbarem Stolz. Bei über hundert Gästen hat er bis jetzt keine schlechte Erfahrung gemacht. Außerdem hofft er darauf, seine Söhne Manuel und Daniel zu Weltbürgern zu erziehen, sie inspirieren zu lassen von der Idee und dem Wert der Gastfreundschaft und ihnen nebenbei ganz natürlich die Chance zu geben mit anderen Sprachen und Kulturen in Kontakt zu kommen.

Wir sitzen wieder auf der weichen Couch und ich bin überrascht, dass ich noch immer wach bin. Die große Uhr scheint irgendwie falsch zu gehen. Neugierig fragst Du mich, ob es denn eigentlich auch noch analoge, echte Kontakte gibt – oder ist Gastfreundschaft etwas, das nur noch im Internet funktioniert?

Ich erinnere mich an Nestor, den kleinen Pfarrer, der neben zwei Jobs und Familie abends studiert und mit seiner Familie in einem selbstgebauten Wellblechhaus wohnt. Ihn hat mir das Leben an einem bis dato wenig glorreichen Moment meiner Reiser vor die Reifen geworfen.

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Eine Nacht in der Plantage.

…es muss einer der letzten Tage in Kolumbien gewesen sein und ich hatte irgendwie trotz so vieler Fremdkontakte überlebt. Vermutlich bin ich einfach nicht genug Taxi gefahren. Die letzte Nacht habe ich last Minute in einer Kaffeeplantage verbracht. Unter roten Kaffeebohnen und den plastikartigen Blättern, die so gut wie keinen Schutz vor Regen bieten, war mein Zelt des Morgens ziemlich feucht. Als die Sonne über den Berg kam, führte mein Weg mich geradewegs in eine der typischen Vorort-Panaderias (= Bäckerei). Bei einem Kaffee und allerlei Gebäck nutze ich einen der raren Moment, um zu schreiben und mein nasses Zelt auf dem Vorplatz ausgebreitet zu trocknen. Im Augenwinkel nehme ich ein Pärchen zweier verfilzter Straßenhunde wahr, das sich bemüht unauffällig Durchs Bild schiebt und meine Aufmerksamkeit kurz einnimmt.
Nachdem Bimmel und Bommel, wie ich sie spontan taufe an etwas eklig Aussehendem herumkauen, entfernen sich die beiden wieder. Vertieft in meine Notizen, tauchen sie wenig später in der Nähe meines am Boden liegenden Zeltes auf. Mit eine Vorahnung sehe ich, wie Bimmel das Textil beschnuppert und die gebeugte Haltung einnimmt, um seinen Darm zu entleeren. Währenddessen Bommel mein Rad beschnuppert und ganz beiläufig zu dem Schluss kommt, seine Note fehle noch an diesem olfaktorischen Kunstwerk, hebt sein Bein und verewigt sich an meiner vorderen Radtasche. Fassungslos bleibt mir nichts als das Fäkal-Duo aus einer Distanz von 5 Metern mit Flüchen gleicher Herkunft zu bombardieren, womit ich Bimmels Geschäft unterbrechen kann, während Bommel schon in der Hecke verschwunden ist. Die wenigen Besucher in der Panaderia und auch die Bedienung lachen, während ich betroffen den Schaden sichte. Etwas irritiert stehe ich an meinem Zelt und entfernte eine stinkende, zum Glück ziemlich trockene Kugel, die der scheinbar dehydrierte Bimmel dort zurück gelassen hat. Mit Blick auf eine Nacht in diesem Zelt stellen sich mir die Nackenhaare auf.

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Fahndungsfoto von Bimmel und Bommel.

Ich erinnere ich mich an die Idee, dem Auswärtigen Amt zu schreiben, hatten sie doch bei aller Gründlichkeit einen Aspekt der Reisegefahren vollkommen außer Acht gelassen. Kurzerhand packe ich alles zusammen und machte mich auf den Weg in die Stadt und hoffe auf einen klugen Einfall. Ein paar Kurbelumdrehungen später gesellt sich ein junger Mann auf einem Fahrrad an meine Seite. Auf der dicht befahrenen zweispurigen Straße versucht er ein Gespräch anzufangen, was mich an normalen Tagen schon immer etwas nervt, weil das wirklich gefährlich und gänzlich unentspannt ist. Heute ist es umso mühseliger. Die Konversation wehrt nicht sonderlich lange, da mein Begleiter mit plattem Reifen anhalten muss. Kurz spielte ich mit dem Gedanken einfach weiter zu fahren. Mit einem letzten Anflug von Höflichkeit, die an einem solchen Tag bleibt, helfe ich zu reparieren, um dabei festzustellen, dass der Besitzer, Nestor, ein netter Kerl ist, die Reparatur seines Fahrrades jedoch hoffnungslos bleibt. Wir schieben das Rad in Richtung Stadtzentrum und er lädt mich kurzerhand zum Mittagessen in sein Haus ein. Dort angekommen, essen wir gemeinsam mit Frau und Kind zu Mittag und mich rührt die fröhliche Stimmung in der mehr als einfachen Behausung. Als wir fertig sind, beginnt es aus Eimern zu regnen und das Prasseln auf dem Dach übertönt jedes Geräusch. Mein Gastgeber Nestor bietet mir an bei ihnen zu übernachten und ich wittere eine Möglichkeit, um eine Nacht im Zelt herum zu kommen. Während ich den Drahtesel des Hauses repariere und mein Zelt im Regen gewaschen wird, vergehen die Stunden des Nachmittags. Als Nestor am Abend von der Arbeit zurückkehrt, sitzen wir noch etwas beisammen und er erzählt mir von seiner Missionsarbeit in den abseits gelegenen indigenen Gemeinden und den Grausamkeiten vom Kolumbien seiner Kindheit, das zum Glück Vergangenheit ist. Vor ein paar Jahren, als die kleine Hütte nur ein Zimmer hatte, brachte er von einer Reise ins ecuadorianische Grenzgebiet eine fünfköpfige Flüchtlingsfamilie mit nach Hause. Für einen Monat teilten sie das Zimmer und ich überlege, ob Ecuador denn bei uns zu Hause als sicheres Herkunftsland gilt. Die Nacht über liege ich länger wach, denke an mein Reisemotto, „Was (oder Wen) wird mir die Welt anvertrauen, wenn ich mich ihr voll und ganz anvertraue?“, und habe das Gefühl, dass Begegnungen wie die mit Nestor diesem etwas hölzern wirkenden Satz Leben einhauchen.

Im Morgengrauen kommt der Nebel von Draußen durch die ritzen des Hauses hinein und ich frage mich, welche Möglichkeiten es gibt, Nestor und seine Familie zu unterstützen, die offenkundig wenig haben aber so viel geben. Da er vermutlich niemals Geld annehmen würde, beschließe ich, ihm ein paar meiner Tagessätze in den roten Porzellanelefanten zu stecken, der wohl die Familienkasse beherbergt. Am Morgen gehen wir ein Stückchen zusammen und verabschieden uns bei strahlender Equatorsonne vor der Schule seiner Tochter und ich stelle fest, dass ich seit Tagen offline bin.

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Nestor und Tochter.

Ein paar Stunden oder Tage später stehst Du wieder an der offenen Tür zu deinem zu Hause. Während dein Blick mit Freude über die Uhr schweift, die wir gemeinsam reparieren konnten, ziehen unsere gemeinsamen Tage und Stunden an dir vorbei. Dein Angebot, länger zu bleiben, musste ich abgelehnen, denn wir beide wissen, das Reisen auch Los-lassen und Platz-machen bedeutet, damit Neues passieren kann. Ein bisschen wundern wir uns wohl beide, wie nah man sich in so kurzer Zeit kommen kann. Unsicher, aber durchaus bewegt, verabschieden wir uns voneinander. Du schaust mir nach bis ich an der Straßenecke ein letztes Mal zurückblicke und winke, bevor ich vielleicht für immer aus deinem Sichtfeld und aus deiner Welt verschwinde. Einen Augenblick verweilst Du noch in der Tür, fragst dich was wohl bleibt von dieser Begegnung, dann gehst Du zurück in dein Reich.

Ein paar Monate später findest Du im Briefkasten eine Postkarte aus einem fremden Land.

Es ist ein Foto auf dem Du und Ich zu sehen sind. Mittlerweile ist es Sommer geworden und es ist soviel passiert seitdem dein Haus und dein Herz offen stehen für Fremde. Auf der Rückseite stehen Zeilen des Dankes, die das Gefühl an die gemeinsamen Tage im März in dir aufleben lassen und dich daran erinnern, dass du in der Zwischenzeit und durch den Kontakt zu weiteren Fremden die bei dir Station gemacht haben ein Stück der verlorengegangenen Sorglosigkeit wieder gefunden  hast.

Am unteren Rand der Karte sind weitere Internetgemeinschaften aufgelistet, auf denen Du dieses Gefühl weiter verstärken kannst.

Sie heißen: warmshowers; couchsurfing und trustroots

Du freust dich über die Inspiration. Vor kurzem hast du die Abstellkammer die bis dahin ein trauriges Dasein fristete zum Fremdenzimmer aufgerüstet und besitzt sogar ein Gästebuch welches Dir ein Gast aus Japan geschenkt hat. Du blätterst durch die Seiten und klebst unser Foto ein. Dann klingelt es an der Türe und wie von selbst werden deine Augen groß und die Mundwinkel gehen nach oben.

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