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Ecuador (I) – Bruder Plattfuß und der Regen.

Vor mir und Crisa, der Lehrerin bei der ich gerade wohne, stehen zwei Fahrräder und eine Hand voll Kinder mit langen Zöpfen. An diesen besonderen Ort, hoch oben auf 3200 Metern, wurde ich eingeladen, um den Schulkindern der indigenen Gemeinschaft in den ecuadorianischen Anden von meiner Reise zu erzählen und ihnen zu erklären wie man ein Fahrrad repariert. Das dachte ich zumindest. Denn erst als ich dort bin erfahre ich, dass es in der Welt aus der sie jeden Morgen hierher kommen und in die sie abends zurückkehren gar keine Fahrräder gibt.

kinder

Viele von ihnen laufen bis zu 4 Stunden am Tag, um hier zur Schule gehen zu können. Dann schlüpfen sie in die Uniform und verwandeln sich in Schulkinder und nur die geflochtenen pechschwarzen Zöpfe und die natürliche Fröhlichkeit, mit der sie hierher kommen, lassen vermuten, dass sie etwas besonderes sind. Gemeinsam springen wir ins kalte Wasser und versuchen ihnen unter kurzer Anleitung das Radfahren näher zu bringen. Mit Freude stelle ich ein ums andere Mal fest, dass Kinder auf der ganzen Welt gleich funktionieren und in der Lage sind das Eis in Rekordzeit zu brechen. Beeindruckt sehen wir zu wie einige von ihnen, nach ein paar Versuchen, mit den beiden Fahrrädern Runden über die Bahn des einfachen Sportplatzes drehen. Das Bremsen interessiert sie nicht, für den Moment reicht es in die Pedale zu treten.

Wer würde hier nicht gerne zur Schule gehen?

Wer würde hier nicht gerne zur Schule gehen?

Ich erinnere mich daran, wie ich an einem sommerlichen Tag vor fast 30 Jahren mit der helfenden Hand meiner Oma selbst zum ersten Mal den Zauber dieser einfachen, friedvollen Fortbewegungsform entdeckte, die mich bis heute in ihren Bann zieht und ich bin froh, dass ich das weitergeben darf. Beim späteren Reifen flicken kommt die Frage auf, was denn so ein Rad eigentlich koste. Ich erkläre, dass mein Fahrrad ein Recyclingprodukt ist, also aus alten Fahrrädern von Freunden entstanden ist, und erinnere mich an die Tage im August, als ich kurz vor meiner Abreise feststellte, dass das dafür vorgesehene Fahrrad einen Rahmenbruch hat. Etwas verzweifelt kam es mir damals unmöglich vor, ein weiteres gebrauchtes Rad zu bekommen. Wie ein Wunder stolperte ich dann über ein ausgemustertes Exemplar (Vielen Dank Alfred und Stefan!). So bin ich tatsächlich mit diesen ausgedienten Teilen mehrere tausende Kilometer weit bis zum Äquator gefahren.

Als Reifenflicken noch Spaß machte.

Als Reifenflicken noch Spaß machte.

Die Kinder blicken mich mit fragenden Augen an und mir wird klar, wie weit das Wort Recycling von ihrer Lebensrealität entfernt ist, in der es vollkommen normal ist, dass man Dinge repariert und nutzt bis sie den Geist aufgeben.
Am Ende dieses Tages haben sich unsere beiden Welten ein Stück weit vermischt. Die Kinder kennen nun das Gefühl, wenn einem der Fahrtwind durch die Haare fährt und haben das Gleichgewicht gespürt, welches nötig ist, um sich auf zwei Rädern fortzubewegen. Mir haben sie hingegen gezeigt, wo hoch oben in den Bergen die Wolken geboren werden, dass die langen Zöpfe ihre Wurzeln sind, die sie mit der Erde verbinden und, dass man manchmal auf Berge steigen muss, um zu sehen wie man unten lebt.

Schule mal anders.

Schule mal anders.

Mit der Erinnerung an die Kinder und dem Wissen, dass die Wolken bei ihnen dort oben geboren werden, schiebe ich mein Rad mit einem Lächeln hinaus in den regnerisch grauen Montagmorgen auf Ecuadors Straßen. Ihnen eilt der Ruf voraus, die besten in ganz Südamerika zu sein. Die Grundregel „Je besser die Straße desto mehr LKWs fahren darauf“, könnte hier erfunden worden sein. Mit einer Dichte von durchschnittlich zwei Lastzügen pro Minute zieht sich der teergewordene Panamerikanische Alptraum von einer Straße durch die beeindruckende Bergwelt der Anden des vergleichsweise kleinen Landes. Auf dem Weg nach Quito überrolle ich den Äquator und bin damit zum ersten Mal in meinem Leben auf der Südhalbkugel. Ein Schild am Straßenrand und ein Monument, vor dem man für 2 $ ein Foto machen darf, kündigen die südliche Hemisphäre an. Meine anfängliche Aufregung verfliegt schnell, denn der Ort scheint nichts weiter als ein Tourifänger zu sein, weswegen ich auf ein Foto verzichte. Ein paar Kilometer weiter gibt es eine weitere Linie und ich komme zu dem Schluss, dass vor dem Äquator wohl nach dem Äquator ist und die Südhalbkugel nicht sonderlich viel Veränderung mit sich bringt. Mehrfach am Tag und in der Nacht regnet es in Strömen und generell hinterlässt Südamerika bis jetzt einen sehr feuchten Eindruck.

Walk the equatorial line.

Walk the equatorial line.

Beim Mittagessen komme ich mit Jose, einem Klimaforscher, ins Gespräch. Er erklärt mir, dass das Wetterphänomen El Niño in diesem Jahr ungewöhnlich heftig ausfällt, während wir auf der Straße vor unserem Restaurant den Bach beobachten, wo Minuten vorher noch die Straße war. Ich denke an die Atlantiküberquerung im Segelboot und daran, dass auch die sonst so verlässlichen Passatwinde in diesem Jahr ausgeblieben sind. Das Weltklima ist außer Kontrolle, erwidert Jose. Er berichtet von Aufenthalten in Europa und den USA und sagt: Wenn alle so leben wollen wie die Menschen dort dann brauchen wir mindestens vier Planeten von der Qualität der Erde. Jenseits der großen Glasscheibe im Eingang, auf der eine aufgeklebte Kuh mit Besteck in den Händen und einem breiten Lächeln im Gesicht auf den großen Rindfleischteller zum Schnäppchenpreis hinweist, schiebt sich ein großer schwarzer Geländewagen durchs Bild. Der einzelne Fahrer wirkt etwas verloren in diesem Ungetüm.

Land unter in Quito.

Land unter in Quito.

Jose sieht mich an und als hätte er durch meine Augen gesehen, nickt er wohl wissend und zuckt mit den Schultern. Dann fragt er mich, wo ich denn eigentlich hin fahre. Ich berichte von der Panamerikana, den LKWs, dem anhaltenden Regen und der dazukommenden Kälte der hohen Lagen und von meinem immer-nassen Zelt. Er erzählt mir von einer Parallelstrecke durch das Amazonasbecken, dort im Dschungel liegt ein anderes Ecuador, sagt er. Eines ohne Plastiktüten, ohne LKWs. Mit etwas Skepsis denke ich über mich und den Dschungel nach, erinnere mich entfernt an Panama, das Darien Gap und spüre zugleich wie sich Furcht und Neugierde breit machen.

Auf dem Weg hinab ins Amazonasunterland.

Auf dem Weg hinab ins Amazonasbecken.

Zwei Tage später bin ich 2500 Meter tiefer und in einer anderen Welt, deren Lebendigkeit geradezu maßlos wirkt. Nur der Regen erinnert daran, dass ich noch immer in Südamerika bin. Das Wetter hier passt in keine meiner Schubladen. Irritiert stelle ich fest, dass Regen und Sonne durchaus gleichzeitig da sein können und ich bilde mir ein, den Geruch des Dschungels in diesem Gewächshausklima noch intensiver wahr zu nehmen. Der verführerische Duft blühender Blumen und ganzjährig reifer Früchte aller Art mischt sich mit dem lehmigen Aroma des Bodens und der süßlich scharfen Note der Vergänglichkeit.

Grün: zum sehen, riechen und schmecken.

Grün: zum sehen, riechen und schmecken.

Alles wirkt perfekt aufeinander abgestimmt und ich frage mich, wann wir eigentlich vergessen haben, dass auch wir Teil dieses Systems sind. Der einzige Fremdkörper ist die Straße, an deren Schnittstelle sich im Gegensatz zu den überfahrenen Hunden und Katzen, die ich seit Monaten sehe und rieche, auf einmal Kadaver von Schlangen, Faultieren und ohne-Namen-Tieren häufen.

Endstation Landstraße.

Endstation Landstraße.

Etwas beunruhigt stelle ich fest, dass mein Reifen Luft verliert. Inmitten prallster Natur tausche ich, umzingelt von vielen kleinen fleischfressenden Sandfliegen, meinen Schlauch und schaue, dass ich weiterkomme. Eine Art Unwucht im reparierten Reifen kündigt wenig Gutes an. Ich bleibe stehen und sehe, wie sich eine Blase des neuen Schlauches durch ein Loch im Mantel meiner unplattbaren Reifen nach draußen drückt. Als ich die Blase, die wie ein kleiner Kopf aussieht, berühre, platzt sie mit einem Knall und ich sehe mich an einem undenkbar schlechten Ort damit konfrontiert, dass sowohl Reifen als auch Schlauch kaputt sind. Auf und ab joggend versuche ich die Fliegen abzuschütteln und gehe meine Optionen durch. Schließlich bleibt mir dann aber doch nichts anderes übrig als alle meine Taschen vom Rad zu entfernen und zu versuchen, alles zu reparieren. Eine gefühlte Stunde später geht die Reise weiter und eine Vorahnung kündigt an, dass es nicht der letzte Plattfuß für heute war.

Die kleinste Luftpumpe der Welt.

Non-Stop Einsatz für die kleinste Luftpumpe der Welt.

Zwei Flickversuche weiter stapft ein alter Mann über einen Pfad aus dem Urwald. Nicht gerade auf Smalltalk aus, freue ich mich trotzdem ihn zu sehen, denn ich stehe plötzlich an einer Gabelung welche es eigentlich nicht geben kann, denn auf meiner Karte ist sie nicht eingezeichnet.

Der Alte drückt seinen knochigen Finger auf den gelben Strich auf dem Bildschirm meines Smartphones und es wirkt als wenn zwei bis dahin getrennte Welten einander begegnen. Dann sagt er die Straße sei mit dem Fahrrad passierbar und empfiehlt mir dem gelben Strich zu folgen, da Autos nicht durchkommen. Nun ist er an der Reihe eine Frage zu stellen. Wie so oft geht es um meine Herkunft. Die Antwort lässt seine Augen größer werden. Er wiederholt gedehnt: A-l-e-m-a-n-i-a. Dann sagt er einen Satz der längere Zeit durch meinen Kopf kreisen wird: „In Deutschland liegt das Potential der Welt“. Etwas verdutzt bedanke ich mich für die Auskunft und folge dem schmalen Asphaltstreifen, der geradezu vom Grün drumherum verschlungen wird. Nach ein paar Biegungen tauchen hier und da Hütten auf, die auf Stelzen stehen und von der Wildnis eingerahmt sind. Das Gebiet gehört den Shuar, einem indigenen Volk, das in dieser Region lebt. Schilder am Straßenrand markieren die verschiedenen, für mich unaussprechlichen Stammesgebiete.

Einfamileinhaus Typ Shuar.

Einfamileinhaus Typ Shuar.

Als hätte der Tag nicht schon genug Unerwartetes gebracht, endet die Straße in einer Art Wendehammer vor einem etwa 70 Meter breiten Fluss. Etwas verloren versuche ich zu verstehen, was das bedeutet. Ein kleines Mädchen kommt heran und deutet auf ein Haus, das etwas erhöht steht. Dort wohnt ihre Familie und sie können mir helfen, den Fluss zu überqueren. Interessiert schiebe ich mein Fahrrad eine steile Betonrampe hinauf. Als wäre die Sache bereits abgemacht, lädt der Vater bei meiner Ankunft auch schon mein Fahrrad in ein Art Gondel ein, die an einem Stahlseil hängt. Das Geschäftsmodell scheint zu funktionieren, denn ich bin so beschäftigt damit zu überlegen, wie ich meinen Hausstand auf der offenen Gondel sichern kann und versuche gar nicht erst zu verhandeln. Während der beinahe vergessene Prüfingenieur in mir potentielle Bruchstellen an der fragwürdigen Konstruktion durchgeht, regt sich an anderer Stelle die Erinnerung an einen Unfall, der sich auf meiner vergangenen Reise bei der Überquerung eines Flusses zutrug. Für all das bleibt keine Zeit, denn ich spüre wie die Gondel sich mit einem kräftigen Schubser in Bewegung setzt, höre wie Metall auf Metall reibt und es geht mit voller Fahrt in die Tiefe.

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