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Ecuador (II) – Zu Besuch bei den Recyclistas

Wie auf einem fliegenden Teppich gleite ich hinab, während sich das metallene Ungetüm, auf dem ich sitze, in Richtung Flussmitte schiebt. Etwas verunsichert, ob ich auf der anderen Seite ankommen werde und was mich dort erwarten wird, umklammere ich meine 5 Taschen so gut ich kann und fixiere mein Fahrrad mit den Füßen. Erst jetzt merke ich, dass das kleine Mädchen mit an Bord ist und irgendwo hinter mir, außerhalb der Gondel, unseren Vortrieb mit rhythmischen Stößen unterstützt. Gerade noch schnell genug, um mit einem verhaltenen „plopp“ gegen einen aufgehängten Autoreifen zu stoßen, erreichen wir die andere Seite. Während ich auslade beschleicht mich das Gefühl, dass irgendetwas fehlt. Auf der anderen Flussseite wird ein Dieselmotor stotternd in Gang gesetzt und im gleichen Moment bewegt sich die Gondel zurück Richtung Wasser. Das Mädchen winkt und wenige Sekunden später erkenne ich nur noch schemenhaft ihren roten Pullover in der Ferne.

Alternative Mobilität aka fliegender Teppich.

Alternative Mobilität aka fliegender Teppich.

Während ich die Taschen befestige, fällt mir eine Stelle an meinem Rad ins Auge, die ich schon lange nicht mehr so gesehen habe. Der Platz von Ganesha, der indischen Gottheit mit dem Elefantenkopf, der über meinem Vorderrad thronte, ist leer. Etwas einsam sitze ich in der offen Hütte, schaue auf den schmalen steinig-erdigen Pfad, der sich von hier weg zieht und versuche mich zu erinnern, was genau ich hier eigentlich mache. Mit absinkendem Adrenalinspiegel stelle ich fest, wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt für eine Tasse Tee oder Cafe. Leider habe ich meinen Kocher vor einiger Zeit abgegeben und bin seither auf einer Obst-Haferflocken Diät, die stark auf die Unterstützung der heimischen Küche angewiesen ist. Da es in den letzten Tagen nur wenig Zivilisation gab, blieb es häufiger bei Obst-Haferflocken in allen Variationen und ich bereue sehr, ohne Küche zu sein. In meinen Taschen finde ich eine schrumpelige Maracuja, zwei perfekte Grenadinen und eine überreife Papaya. Während ich alles in der halbierten Papaya verrühre, schaue ich aufs Wasser und versuche zu verstehen, ob das nun ein gutes, ein schlechtes oder vielleicht auch einfach gar kein Zeichen ist, dass der Plastikelefant ab jetzt am Grunde des Flusses weit weg von seinem Zuhause ruht und sich unsere Wege hier trennen.

Junglefood mit recyclebarer Umverpackung.

Junglefood mit recyclebarer Umverpackung.

In der Stadt, die ich einige Kilometer entfernt vom Fluss über den lehmigen Pfad erreiche, finde ich ein weiteres dieser namenlosen Käffer vor. Meistens hinterlässt ihr Schlag so wenig Eindruck, dass ich am Ortsausfahrtschild bereits vergessen habe, wie sie heißen. Auf dem Weg hin zum Vergessen fallen mir drei schwer beladene Fahrräder ins Auge, die an einer Hauswand lehnen und genauso fremd an diesem Ort zu sein scheinen wie ich selbst. Aus dem Geschäft hinter der Wand vernehme ich eine Diskussion über die Preise von Obst und Gemüse. Belustigt warte ich vor der Tür und studiere die Räder. Sie weichen relativ stark ab von allem was die eher konservative Radreiseszene als sinnvollen Standard auserkoren hat. Eines der Räder hat im hinteren Teil seitlich zwei große Kanister montiert, welche die teuren Packtaschen ersetzen.

Alternatives Reisemobil.

Alternatives Radreisen (Bauanleitung Packtaschen).

An einem anderen Vehikel zähle ich drei Räder und erst bei näherem Hinsehen erkenne ich, dass es ein Einrad ist, das auf einem Fahrrad transportiert wird. Als die Besitzer raus kommen ist die Verwunderung auf beiden Seiten groß. Gemeinsam wechseln wir auf den überfluteten Fußballplatz hinüber, um uns auszutauschen. Wie es der Zufall will, beginnen die Kolumbianer ohne weitere Aufforderung ganz standesgemäß Tinto (Kaffee) zuzubereiten. Faszinierender als der Umstand, dass sie dies tun, ist jedoch die Art und Weise der Zubereitung. Auf einem Spirituskocher, den sie aus zwei alten Bierdosen zusammengebaut haben, siedet die Melange aus kolumbianischem Kaffeepulver in einer großen Emailletasse. Als der braune Eintopf erste Blasen bildet und kurz vor dem Kochen steht, erklärt man mir, sei der Zeitpunkt gekommen den Kaffee vom Feuer zu nehmen. Dann filtern sie die Flüssigkeit durch ein Stück Textil, das sich als Tennissocke herausstellt. Entgegen aller Vermutungen schmeckt das Gebräu vorzüglich.

Drei Kolumbianer und ich.

Drei Artisten und ich.

Die drei 17, 20 und 22 Jahre alten Brüder stellen sich als Magier und Artisten vor, was das Einrad erklärt. Ihre Kunststücke führen sie an roten Ampeln und in Fußgängerzonen vor und verdienen damit ihr Geld für die Reise. Ich spendiere eine Runde Bier und sie zeigen mir neben der Möglichkeit ein Tuch in der Handfläche verschwinden zu lassen kurzerhand wie man den Kocher aus den leeren Bierdosen baut. Froh über den neuen Luxus erinnere ich mich an einen Glücksforscher, der glaube ich sagte, dass es eine tiefe menschliche Sehnsucht sei, eigenständig Wert(volles) zu (er-)schaffen. Fraglos stellt der Kocher in meinem aktuellen Leben einen ganz enormen Wert dar und ich fühle mich dementsprechend glücklich. Magu, der Chefmagier, lässt kurzerhand noch eine meiner Dollarmünzen verschwinden und zieht mir dafür ein 10Cent Stück aus der Nase.

Meine neue Küche.

Meine neue Küche (Bauanleitung Dosenkocher).

Nachdem wir uns längst getrennt haben, denke ich immer, wenn ich raste und der Kaffee kurz vor dem Siedepunkt steht, an die drei jungen Artisten und daran, dass der Zauber des (Rad-) Reisens entgegen den auf Hochglanz gedruckten Konsumvorschlägen der Outdoorindustrie recht wenig damit zu tun hat, auf welchem Fahrrad man mit welcher Ausstattung und welchen Klamotten unterwegs ist.

Neben einem Starterset bestehend aus Bierdosenkocher, etwas Spiritus und Kaffeepulver, was bis in die Zivilisation reichen wird, habe ich auch noch die Adresse des fahrradbegeisterten Luci, der angeblich nur 80 Kilometer weiter südlich wohnt, mit auf den Weg bekommen. Unterwegs zu besagtem Radlerfreund ändert sich das Wetter. Der Wechsel aus Sonne und Regen verschiebt sich hin zugunsten des Niederschlags.

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Feucht-fröhliche Radtour.

Die Wassermassen bahnen sich der Schwerkraft folgend ihren Weg und verursachen alle paar Kilometer Schlammlawinen, welche die Straße blockieren. Dies bedeutet, dass ich mein Rad einige Male durch rot bräunlichen, knöchel- bis wadenhohen Schlamm schieben muss. Der anfänglich etwas naive Versuch, sauber aus der Nummer raus zukommen, endet als ich einen Schuh verliere und beim Versuch, ihn wiederzufinden, umfalle und bis zur Hüfte rot-braun von Dannen ziehe.

tägliche Lawine.

Bereits trockenes, geräumtes Lawinchen.

Am Wegesrand fallen mir immer häufiger Schilder mit Schriftzeichen auf, die ich als chinesisch vermute. Da ich mir keinen Reim darauf machen kann, bleiben sie vorerst ohne Bedeutung. Spät abends, nach mehr als recht wenig zauberhaften 120 Kilometern, erreiche ich total fertig und schmutzig Luci, der – als hätte ihn das Schicksal gerufen – einen Waschsalon betreibt. Dort wohne ich für zwei Tage und lerne drei junge Belgier kennen, die seit über einem Jahr von Feuerland aus unterwegs nach Alaska sind, um einen Film über die Entfremdung von Mensch und Natur zu drehen. Sie sind gerade von einer Expedition aus dem Amazonasgebiet zurückgekehrt. Dort wütet ein Kampf zwischen chinesischen Minengesellschaften und den Ureinwohnern, deren Land enteignet werden soll. Julien, der Anführer, erzählt, dass sie wahrscheinlich gezwungen sind Ecuador bald zu verlassen, ihre Videoaufzeichnung aber gesichert seien. Er berichtet davon, dass das Land zuvor von kanadischen Firmen verwüstet wurde und nun seien es eben die Chinesen. Globaler Kapitalismus im Endstadium, sagt der radelnde Wirtschaftswissenschaftler. Alles nur, um des Wachstums willen. Mit einem Augenzwinkern fragt er, ob ich etwas in der Natur kenne, das unbegrenzt wächst. Ratlos zucke ich mit den Schultern. Etwas verlegen sagt er, dass nur der Krebs das tut. Wachstum bis zum Ende.

Belgien + Deutschland = Europa.

Die Daltons, oder 3 mutige Belgier und ich.

Mit dem Griff zur Gitarre stelle ich fest, dass sie von dem Dauerregen und diversen Stößen etwas ramponiert ist. Die Holzdecke hat sich nach oben gewölbt und die Brücke, an der die Saiten befestigt sind, hat sich soweit gelöst, dass man ein 2 Euro Stück darunter schieben könnte. Einem Geistesblitz folgend suche ich in einem Elektrowarengeschäft nach Hilfe. Der Verkäufer ist der Gegenentwurf des bisher erlebten immer neugierig extrovertierten lateinamerikanischen Gemüts. Mit unerschütterlicher Gleichgültigkeit, in sein Mobiltelefon vertieft, vermeidet er jeglichen Augenkontakt. Kurz wollte ich fragen, ob er in Wien gelernt habe, belasse es aber bei meiner sachlichen Frage nach einer Lüsterklemme, eine Art Verbindungselement für Stromkabel. Ohne seiner unfreundlichen Linie abbruch zu tun fragt er teilnahmslos, für welche Stromstärke das Ganze sein solle. Ich antworte knapp: kein Strom, zur Reparatur einer Gitarre. Damit kann ich ihn und seine ungläubige Aufmerksamkeit erobern und verlasse ein wenig später zufrieden das Geschäft. Tatsächlich gelingt die Operation mit Hilfe der Lüsterklemme, des Stieles eine Lutschers und des Blechs einer Bierdose, ohne dabei den ohnehin etwas dünnen Klang des Instrumentes zu verschlechtern.

Gitarre nach Reparatur.

Gitarre nach Reparatur.

Als ich am nächsten Tag weiter fahre, hat sich das Wetter doch wieder etwas beruhigt und unter strahlender Sonne arbeite ich mich langsam hinauf, heraus aus dem Amazonasbecken. Während ich im Schatten eines großen Baumes pausiere, beobachte ich ein eigenartiges Insekt, wie es ohne erkennbares Ziel auf der Straße herum stapft. Das wäre noch nichts besonderes, denn beinahe jeden Tag sehe ich Früchte an Bäumen oder Tiere, die mir neu sind. Eigenartigerweise sieht dieses Ding mit seiner gebogenen langen Nase aus wie ein kleiner Elefant. Nach eingängiger gegenseitiger Beobachtung folgt der kleine Kerl mir und meiner Kamera auf Schritt und Tritt. Erst als ich weiter fahre bleibt er am Straßenrand zurück.

Der Elefantenkäfer.

Der Elefantenkäfer.

Am Nachmittag entdecke ich am Eingang eines Dörfchens ein buntes Haus, welches etwa 30 Meter über mir im Hang liegt. Ein europäisch aussehendes Pärchen winkt und ruft von der Veranda. Dann erinnere ich mich daran, dass irgendwo hier ja ein Casa de Ciclista versteckt sein soll. Diese frei übersetzten „Häuser für Radfahrer“ sind ein lateinamerikanisches Phänomen und ich hatte schon das Vergnügen in einigen zu verweilen. Das Haus hier gehört Doris, die in Quito arbeitet. In ihrer Abwesenheit betreut ihre Familie das Haus und kümmert sich liebevoll um Radler aus der ganzen Welt. Das Haus steht allen offen, mit der einzigen Bedingung, einmal zum Essen ins benachbarte Haus der Familie zu Besuch zu kommen. Unsere Villa Kunterbunt ist vollständig aus recyceltem Baumaterial und Fahrradteilen erbaut und eine wirkliche Oase für Radreisende und einer Atmosphäre, die dazu einlädt, etwas persönliches zurückzulassen.

Villa Kunterbunt aka Casa de (Re)ciclistas.

Villa Kunterbunt oder Casa de (Re)ciclistas.

Das französische Pärchen hilft mir mein Fahrrad den steilen Hang hochzuschieben und sie stellen sich als Michel und Dominique aus Südfrankreich vor. Seit 5 Jahren sind die beiden Endfünfziger unterwegs in der Welt und nachdem sie Lateinamerika von Brasilien kommend Richtung Süden erkundet haben, beschlossen sie am Ende der Welt einfach wieder umzudrehen und nach Norden zu fahren. Jetzt heißt ihre Mission Alaska. Wir verstehen uns auf Anhieb prächtig. Während Dominique uns mit Kaffee und wunderbaren Mahlzeiten versorgt, unterhält uns Michel in unnachahmlicher Art und Weise. Mit einem Mix aus Französisch und dem Straßenspanisch erörtert er seine Vorliebe für Barockmusik, erklärt kurzerhand woran es der Gesellschaft heute mangelt und ist nur selten darum verlegen aus seinem bewegten Leben zu berichten. Kurzum, er redet wie die meisten Männer ab einem gewissen Alter es tun: gerne, viel und gescheit. Die beiden haben ihr Domizil in der ersten Etage, während ich mich im großen Bett im Erdgeschoss ausbreite.

Schlafzimmer.

Schlafzimmer.

Als ich morgens durch die große Schiebetüre in die Küche trete, umschmeichelt meine Nase ein Hauch von frisch aufgebrühtem ecuadorianischem Kaffee. Michel steht, ganz in seinem Element, auf einer kleinen Empore und rezitiert ein französisches Gedicht. Seine schwarze Brille, auf einer Seite mit einer Sicherheitsnadel repariert, sitzt tief auf der Nasenspitze und mit ausladenden Gesten der freien Hand führt er seinen Vortrag unbeirrt fort. Dominique steht kopfschüttelnd vor der Kaffeepackung, die ihr Mann offensichtlich achtlos aufgerissen hat, dreht sich mit einer Tasse des dampfenden Getränks zu mir um und wir geben uns der Kultur hin. An einem solch durchregneten Tag, zumal ein Sonntag, bleiben wir nach dem Frühstück einfach sitzen und kommen auf das leidige Thema der unzähligen (Straßen-)Hunde zu sprechen, die unserem Leben auf der Straße viel Geduld abverlangen. Ich erzähle von meinen Versuch friedlich mit ihnen umzugehen, zumeist aber ratlos und häufiger auch ziemlich genervt bin. Ich merke wie Michel innerlich mit den Schufen harrt. Mit erweiterten Pupillen erklärt er, 20 Jahre lang in Toulouse Besitzer von drei Nachtsupermärkten gewesen zu sein und daher genau zu wissen, wie man solch‘ Klientel zur Räson bringe: selbstbewusst, klar und laut. Mit abgelegter Brille bäumt er sich in zwei Metern Entfernung auf, erklärt, ich solle mir vorstellen der Hund zu sein und schreit mich auf französisch mit jeder Faser seines Leibes für eine gefühlte Ewigkeit an. Um letzte Zweifel zu beseitigen, zeigt Dominique mir im Anschluss an Michel’s Performance auf ihrem Tablet ein Video aus der Praxis und erklärt ich könnte das auch auf deutsch machen, es gehe nur darum, Eindruck zu hinterlassen.

Frankreich und Deutschland in Ecuador.

Frankreich und Deutschland in Ecuador.

An unserem letzten gemeinsamen Abend erzählen die beiden von ihrem außergewöhnlichen Leben und davon, wie glücklich sie sind alles verkauft zu haben und auf zwei ausgelutschten Fahrrädern durch die Welt zu gurken. Das macht leicht, erklärt Michel, während er mit ausgebreiteten Armen einen Vogel nachahmt. Wenn sie hin und wieder nach Europa zurückkehren, um ihre Kinder und Enkelkinder zu sehen, sagen sie, fällt es manchmal schwer Gespräche zu führen, denn die meisten Menschen, die sie kennen, leben trotz eines Leben im Überfluss mit dem Gefühl zu wenig zu haben. Verzicht ist schwer aus der Mode gekommen, sagt Michel.

Crêpes et amour.

Crêpes et amour.

Während der Abend mit einem Glas Rotwein und Käse im Kerzenschein langsam zu Ende geht, fällt mir der Alte wieder ein, den ich vor ein paar Tagen traf. Was meinte er, als er sagte, in Deutschland liege das Potential der Welt?

Lange konnte ich mir keinen Reim darauf machen. Wie ein Faschist wirkte er jedenfalls nicht. Eines ist mir jedoch in den letzten Jahren aufgefallen. Egal in welchem Land ich bin und die Sprache auf Deutschland kommt, werden die Augen meines Gegenübers größer. Es ist recht offensichtlich, dass sehr viele Menschen auf der Welt unser kleines, paradiesisch wirkendes Land sehnsüchtig beobachten, in der Hoffnung eines Tages auch einmal so leben zu können wie wir Deutschen und das priviligierte oberste Prozent der Menschen auf diesem Planeten. Bis diese Utopie wahr werden könnte, kopieren sie uns, malen Mercedessterne auf klapprige alte Busse, nennen Bäckereien „german Bakery“ und kleben Deutschlandfahnen auf Elektrogeräte, um diese aufzuwerten. Neben der Möglichkeit daraus Profit zu schlagen bringt diese Vorbildposition wie ich finde eine große Verantwortung mit sich.
Und vielleicht sind mein Land und seine Einwohner ja eines Tages einmal wohlhabend und weise genug, um sich als erstes Land auf diesem Planeten anstatt alternativlosem Wachstum einen freiwilligen Verzicht leisten zu können.

Wer, wenn nicht wir, sollte das können?

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