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Mut zur Endlichkeit (l) – Eine Annäherung.

Mit zitternden Fingern taste ich in der Dunkelheit nach dem Handy. Verdammt kalt hier drin. Der Schein des Displays erhellt die Innenseite des Zelts und lässt das gefrorene Kondenswasser glitzern wie im Inneren einer Discokugel. Entgegen meiner Vermutung, es sei bereits früher Morgen, habe ich nur wenige Stunden geschlafen, es ist gerade einmal 0:30. Der kälteste Teil der Nacht liegt also noch vor mir und mein Sommerschlafsack gibt nicht viel Grund zur Hoffnung auf eine gemütliche Zeit bis zum Morgengrauen. Ein aus Atemluft geformter Seufzer verlässt meinen Mund und schwebt als Wolke durchs Zelt. Verdammt kalt hier drin!

Aus dem geöffneten Erste-Hilfe-Set ziehe ich einen Satz der Notfall-Wärmepflaster heraus und klebe sie an strategisch wichtige Stellen des Körpers. Ob sie nach den vielen Monaten überhaupt noch funktionieren? Wenige Minuten später entfaltet sich eine etwas angenehmere Stimmung im Schlafsack. Es ist nicht unbedingt wie vorm Kamin, aber doch schon etwas behaglicher, auch wenn ich mich mit all der Kleidung, die ich trage, kaum noch bewegen kann. Die Superzwiebel im Schlafrock sozusagen. An Schlaf ist jedoch nicht mehr zu denken. Unwillkürlich flackern Gedanken der letzten Tage auf.

Küstenwüste.

Die Einfahrt zur Wüste.

Von der 400km entfernten Küstenstadt Trujillo aus, hatte ich die Wüste hinter mir gelassen, die berühmte Entenschlucht mit ihren 36 Tunneln mit offenem Mund und großen Augen passiert und mich bis auf das Hochplateau hinter Huaraz hochgestrampelt. Von dort ging es immer entlang des gewaltigen Bergzugs der schneebedeckten Cordillera Blanca. Eigentlich wundere ich mich, dass ich mich über die Kälte auf 4400m wundere. Was hatte ich denn erwartet? Der Übergang aus tropischer Feuchte hinein in den Kühlschrank der Anden ging unerhört schnell. Ist das nun das romantische Radabenteuer, von dem ich später einmal berichten will? Wäre ich vielleicht einfach besser zu Hause geblieben?

Einer von 36 Tunneln.

Der „Canon del Pato“ (Entenschlucht) und einer von 36 Tunneln.

Die Cordillera Blanca.

Die Cordillera Blanca.

Ohne zu wissen wonach ich suche, krame ich etwas säuerlich in meinen Taschen, voller Hoffnung dort etwas zu finden, was mich auf bessere Gedanken bringt und die Zeit vergehen lässt. Die große transparente Kladde mit meinen Reiseunterlagen tritt ins Licht. Lange habe ich dort nicht rein geschaut. Erinnerungsstücke, mein Reisepass und Landkarten, die ich geschenkt bekommen habe. Dazwischen steckt ein braunes Kuvert mit neun Briefumschlägen. Es sind die vollkommen in Vergessenheit geratenen Abschiedsbriefe. Unsicher öffne ich das Paket und es kommt mir vor als wehe ein Hauch der Emotionen und Zweifel durchs Zelt, die mich beim Verfassen vor einem Jahr begleiteten. Wer war ich bis hierher? Wer will ich sein? Was kann ich alles zurücklassen? Ist das hier der richtige Weg?

Der richtige Weg?

Auf dem richtigen Weg?

Nach wenigen Zeilen kehrt das beruhigende Gefühl von Zuversicht zurück und der Grund meiner Reise ist wieder spürbar. Es war und ist die Sehnsucht nach Veränderung und persönlichem Wachstum. Dazu wollte ich ein Jahr Raum schaffen, alternativ fürs Alter vorsorgen, den friedlich-radikalen Frontalangriff wagen auf alles was die letzten 32 Jahre hervorgebracht haben oder aber mal kurz wegfahren, um einen neuen Lebensabschnitt einzuleiten. Philipp 2.0 sozusagen.

Wer wohnt noch hinter dem Schleier?

Wer (noch) verbirgt sich hinter der Maske?

Ich lese „wenn alles nach Plan läuft, sehen wir uns so nie wieder.“ und langsam, ganz langsam geht in dem peruanischen Kühlschrank, in dem ich mein Zelt aufgebaut habe, die Sonne auf. Vor mir liegt eine 80km lange Abfahrt in Richtung Lima.

butterblume

Wenige Tage später bin ich zurück auf Meereshöhe in einem peruanischen Vorort seiner Hauptstadt. Es ist fünf Uhr morgens. Durch die stickige Luft des schwach beleuchteten Saals dringt ein wiederkehrendes, gurgelndes Geräusch in mein Ohr. Einer der vielen Fremden, die mich umgeben, muss eingeschlafen sein. Bemüht, nicht darauf zu reagieren, sitze ich mit geschlossenen Augen bewegungslos auf dem Boden und hoffe darauf, dass mein schläfriger Geist dem Vorbild des Körpers folgt und seinen wirren Dauermonolog einstellt.
Es ist die erste Sitzung des vierten von insgesamt elf Tagen im Vipassana Meditationszentrum. Mein zweiter Besuch in einem der weltweit verteilten Vipassanazentren auf dieser Reise und eine Art Trainingslager für Persönlichkeitsentwicklung.

Mein Magen knurrt und einen Bruchteil später schieben sich Bilder von Kaffee und Kuchen durch meine Gedanken. Die Realität sieht anders aus und mein ans Radfahren gewöhntes Verpflegungszentrum ist immer noch auf Maximalkonsum eingestellt. Auf dem Diätplan fürs Frühstück steht Haferschleim, der genauso gut schmeckt wie er klingt.

Andere Zeiten.

Andere Zeiten.

Ich sacke zusammen, bin müde und eine Erinnerung an die eigenartige letzte Nacht kehrt zurück. Ich war froh als der 4:00 Gong ertönte, mit dem hier der Tag und wenig später das „Arbeiten“ eingeläutet wird. Zuvor kämpfte ich schlaflos, umzingelt von Moskitos, die in der feucht-warmen Außenluft fröhlich vor sich hin brüten und einem Bettnachbarn, der rastlos schlafend das Gestell des Hochbetts in Wallung hielt.

Was soll das alles? Muss das so anstrengend sein?
Einen Moment lang verharre ich in der Gesellschaft meiner nörgelnden Gedanken, lasse den Kopf auf die Knie sinken. Dann fällt mir ein, dass ich weder wegen des guten Essens noch der besonderen Unterkunft halber hier bin. Mir kommen die Briefe in den Sinn, die Nacht im Zelt, die Worte irgendeines Einsteins: „…die Definition von Wahnsinn ist immer das gleiche zu tun und eine Veränderung zu erwarten.“ Also gebe ich mir und der Veranstaltung eine weitere Chance, versuche die Dinge anders zu machen, sitze gerade und kehre zurück in die Welt der gleichmütigen Beobachtung.

Stille.

Stille.

Die Ermahnung scheint gewirkt zu haben, scheinbar mühelos sitze ich für einen längeren Augenblick konzentriert darauf, die biochemischen Vorgänge, die als Gedanken an die Oberfläche treten, ohne Wertung zu beobachten. Aus dem Nichts blitzt vor meinem inneren Auge das Bild eines weißen Blatt Papiers auf. Zwei darauf geschriebene Worte ziehen mich aus der Beobachtung und hallen durch die Stille wie ein Schrei.

 

DU STIRBST.

 

nightsky