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Mut zur Endlichkeit (II) – Die Heldenreise.

Fortzetzung von Mut zur Endlichkeit: Eine Annährung.

Mit einem Moment Verzögerung ergießt sich eine Lawine aus Ängsten über das mühsam erbaute Kartenhaus stiller Beobachtung. Dazu reichen also zwei Worte. Mein Kopf fühlt sich an wie ein verschlossener Hühnerstall, in dem der Fuchs zu Besuch ist. Gedanken fliegen wild durcheinander und vom Magen breitet sich eine Enge aus, die kaum Raum zum Atmen lässt. Aus der Unruhe formen sich Fragen wie: Warum denn ich? Ich wollte doch noch… Wann genau denn? Kann ich vorher nicht noch mal…? Ich ringe mit dem Verlangen aufzustehen und wegzulaufen, habe aber noch genug Resthirnaktivität, um zu erkennen, wie sinnlos das ist. Von irgendwo kommt die sehr ungewisse Gewissheit: Es ist okay. Bleib locker, hier gibt es was zu lernen, niemand geht verloren.

Mit einem langen Atemzug entweicht verbrauchte uralte Luft aus meinen Lungen und die Panik weicht ungewohnter Lebendigkeit, deren frohe Kunde sich im Rest des Körpers ausbreitet.

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El Gong.

Nach einer halben Ewigkeit, die gleichermaßen eine Minute oder aber eine Stunde gedauert haben könnte, ertönt der Gong und beendet damit die Morgenmeditation. Ich lebe also immer noch, vielleicht mehr als je zuvor. Die aufgehende peruanischen Sonne setzt die großen Kakteen vor der Meditationshalle in ein bizarres Licht. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich gefühlt, was der Verstand zwar zu wissen glaubte, aber gar nicht in der Lage ist zu verstehen. Vergänglichkeit. Wie konnte ich das nur so lange übersehen?

Mir bleiben sechs Tage, in denen ich nichts weiter übe als gelassen dabei zuzusehen, wie jeden Moment ein Teil meines Körpers, meiner Gedanken und meiner Umwelt kommt und geht. Ich sterbe, du stirbst, er/sie/es stirbt, wir sterben und für alle, die etwas mehr Distanz bevorzugen: Sie sterben vermutlich trotzdem. Der Tod diskriminiert nicht, er bevorzugt niemanden, ist sehr emanzipiert und birgt ein Maß an Gleichheit, die man sonst nur selten findet.

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…nochmal zum Mitschreiben.

Je länger ich hier bin desto offensichtlicher wird mir, wie sehr die Kultur, die mein Denken geprägt hat, das Loslassen und die Verwandlung zu Neuem, Unbekannten verdrängt. Wir färben Haare, glätten Falten, glauben an endloses Wirtschaftswachstum und reden am liebsten davon, dass früher irgendwie alles besser war. Davon kann ich mich selbst nicht freisprechen. Im Grunde ist es ja auch gar nicht schlimm, zeigt aber eine Tendenz auf, die vermutlich nur die Spitze des Eisbergs ist, auf den wir zusteuern.

Als ich das Meditationszentrum mit erleichtertem geistigen Gepäck verlasse, geniesse ich den Fahrtwind der mir angenehm sanft um die Nase wuselt. Alles scheint möglich. Wie ich alsbald feststelle, ist es jedoch immer noch nicht stressfrei, per Velo durch den Verkehr einer Millionenstadt zu fahren. Lima begrüßt mich mit dem für diese Jahreszeit üblichen Küstennebel. Eine trübe Suppe hängt über der Pazifik-Metropole. Ich suche meinen Weg hin zu Willy, meinem Zimmergenossen der letzten Tage.

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Wüstester Küstennebel.

Er wohnt hinter einer großen blauen Tür in einer der besseren Nachbarschaften. Zwei Riegel fahren mit einem satten „Klack-Klack“ zur Seite und der vertraute Fremde, ein zart gebauter Peruaner, begrüßt mich freundlich. Nach elf Tagen ohne Worte lernen wir uns eigentlich erst jetzt richtig kennen. Es gibt viel zu erzählen.

Schnell kommt das Gefühl auf, hier am richtigen Ort für die nächsten Tage zu sein. Willy wohnt in einem ehemaligen Yogazentrum, hat eine Sammlung verschiedener Instrumente und ein Regal voller interessanter Bücher, die ich entweder schon gelesen habe oder noch lesen will.

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Museo de Arte de Lima.

Gemeinsam entdecken wir Lima und enden in einer Ausstellung über die Nasca-Kultur. Sie existierte lange vor den berühmten Inka in der kargen Küstenregion südlich von Lima. In einem abgedunkelten Raum sehen wir gut erhaltene Relikte vergangener Zeiten, bestaunen kunstvoll gewebte Stoffe und farbenprächtige Töpfereien. Vor einer der Vasen bleiben wir stehen.

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Eine der Vasen.

Die Verzierung zeigt einen abstrakt dargestellten Mann. In einer Hand hält er eine Machete und in der anderen einen abgeschlagenen Schädel. Unwillkürlich denke ich an Szenen von Krieg, Schlachten und Gewalt. Willy bemerkt meine Verwunderung und erwidert, dass der Mann in einer Zeremonie seinem Ego den Kopf abgeschlagen hat. Symbolischer Egotod sozusagen. Hinter uns steht eine junge amerikanische Touristin, die ebenfalls zugehört hat, das Bild betrachtet, irritiert den Kopf schüttelt und im Weitergehen „Freaks“ murmelt.

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Aufdruck der Vase in 2-D Darstellung.

Zu Hause fällt mein Blick auf ein Buch im Schrank: „Der Held in tausend Gestalten“ von Joseph Campbell. Seine Heldenreise begleitet mich schon eine Weile und beschreibt eine ezählerische Struktur, die in Geschichten von Naturvölkern, der Bibel bis hin zu Star Wars, seit Tausenden von Jahren verwendet wird. Ich spreche das Buch an. Willy grinst und meint, es sei ja nicht nur der rote Faden einer guten Geschichte, sondern auch das Grundmuster menschlicher Entwicklung. Die Kämpfe und Schlachten mit Orks, bösen Zauberern und der dunklen Seite der Macht, sind bildliche Darstellungen unserer inneren Auseinandersetzungen, die bewusst oder unbewusst ausgefochten werden. Und weil wir das kennen und anderen wahnsinnig gerne beim Kämpfen zusehen, finden wir diese Geschichten so spannend, pilgern ins Kino und warten sehnsüchtig auf eine Fortsetzung.

Die Heldenreise nach Campbell/Vogler.

Die Heldenreise nach Campbell/Vogler.

Das interessiert mich. Ich fasse knapp zusammen: Um sich weiter zu entwickeln muss der Mensch (Held) dem Ruf des Lebens (Abenteuers) folgen, der ihn aus seiner gewohnten Welt (neudeutsch = Komfortzone) lockt, gegen den Drachen (die eigenen Widerstände) kämpfen, Prüfungen (neue Erfahrungen) bestehen und mit (innerem) Reichtum zurückkehren in seine gewohnte Welt.

Den sogenannten Ruf des Lebens überhört man schnell einmal und für ein Abenteuer ist nur selten Platz auf der To-do-Liste. Wann bin ich schon einmal bereit, mich ungeplant auf ein Wagnis einzulassen wie Frodo, Harry Potter oder Luke Skywalker, die, bis sie dem Ruf folgten, nur wenig Heldenhaftes an sich hatten? In der Regel sind wir beschäftigt mit BeRuf, Kindern, Hausbau oder damit, durch die Welt zu reisen, sagt Willy und zwinkert. Das sind alles wunderbare Dinge, aber wie viel Raum bleibt da für das Leben, das du nicht geplant hast und auf dich wartet?
Ich frage Willy, was denn einen Helden ausmacht. Nach einer Weile sagt er: Ein Held ist jemand, der in seinem Leben dem Tod, oder anders gesagt, der Veränderung ins Auge blickt. Man könnte also sagen, jeder von uns trägt das Gen des Helden in sich.

Was ist mit dir?

A young boy dreams of becoming a superhero.

Ein Held ist ein Held, ist ein Held oder ein ganz normaler Mensch.

Dann frage ich ihn nach seinen Abenteuern. Die letzten 12 Jahre hat er einen linearen Bilderbuchlebenslauf hingelegt. Erfolgreicher Aufstieg im Großkonzern, ein Büro im 14. Stock eines der Hochhäuser in Limas‘ Businessdistrikt. Geiles Leben, oder? Der Idee, mit einem weiteren Managementabschluss in den USA die golden Treppe in die Chefetage zu bauen, kam eine Begegnung mit den indigenen Wurzeln seines Landes in die Quere. Ein Medizinmann aus dem Amazonasgebiet zeigte ihm einen Teil seines Lebens, das ihm vollkommen unbekannt war: Das InnenLeben. Und auch wenn er morgens nach wie vor mit seinem deutschen Auto zum Turm fährt und ihn besteigt, ist viel im Wandel. Erst jetzt sehe ich, dass der zierliche Peruaner vor mir etwas sehr heldenhaftes ausstrahlt.

Philly

Philly.

Der Medizinmann aus dem Dschungel weckt mein Interesse und ich bohre nach. Willy erwidert, dass er hin und wieder durchs Land reist, aber unbekannt bleiben will. „Vielleicht wirst du Porfi ja einmal kennenlernen, wenn Du mal wieder in Peru bist oder so.“ Wieder ein Zwinkern. „Mal wieder?“, frage ich. Das ist nicht so einfach, sagt er. Er hat keine Website, keine Tripadvisor- oder Lonely Planet-Empfehlung. Er will unbekannt bleiben und wenn du ihn treffen sollst, dann wird das auch irgendwann passieren.

Für den nächsten Tag plane ich mit dem Bus die Stadt zu verlassen, um dann meine Reise per Rad in Richtung Cusco fortzusetzen. Der Bus ist allerdings schon voll und ich beschließe aus einer Laune heraus, ein länger zu bleiben.

Als ich Willy die Neuigkeiten mitteile kommt eine Antwort, mit der ich nicht gerechnet habe:

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Tausend Stimmen reden auf mich ein und ich frage mich, ob dieser Dschungel-Voodoo tatsächlich ist, wonach ich suche. Viele der Stadtmenschen in Südamerika bezeichnen die Indigenen als primitiv. Den Schuh will ich mir nicht anziehen, aber mein deutscher Kopf läuft auf Hochtouren.

Als wir uns am Abend zu Hause widersehen, ist die Sache für mich klar. Willy erklärt, das Ritual sei keineswegs zu unterschätzen und diene nicht dem Spaß. Eine strikte Vorbereitung sei wichtig. Dazu gehört auch eine spezielle Diät, keinerlei stimulierende Substanzen, kein Sex und vor allem eine klare Vorstellung davon, weshalb ich es tue. Im Grunde genommen könnte das Timing nicht besser sein, denn wir kommen ja gerade erst aus dem Klosterleben des Vipassana zurück und haben den Vorwaschgang bereits hinter uns.

„Stell dir vor,“ sagt Willy, „du hast eine Verabredung mit einer wirklich besonderen Frau. Es wäre respektlos dort mit einem schmutzigen T-shirt und schlechtem Atem aufzukreuzen, oder? Deswegen machen wir jetzt den Rest sauber und fasten.“
Meine Beweggründe sind klar: Philipp 2.0.

Willy bremst meine Erwartungen und sagt, das erste „Date“ sei eher ein Kennenlernen und Vorbereiten auf weitere Schritte, die dann tiefer gehen können.

Der Medizinmann kommt spät, aber wir sind ja auch in Südamerika. Er sieht ganz anders aus, als ich erwartet habe. Kein Federschmuck, keine Bemalung. Er ist weder Arzt, Psychologe noch Heilpraktiker, was ihn in Deutschland als qualifiziert ausweisen würde. Er wirkt eher wie ein Glücksbärchi im Trainingsanzug. Ich erfahre, dass Porfi an einem Ort aufgewachsen ist, der zwei Stunden entfernt liegt von Iquitos am Amazonas, wo man nur mit dem Boot oder dem Flugzeug hin kommt. Seine Familie gibt seit Generationen das Wissen über Medizin und Heilung weiter an die nächste Generation. Er spricht Qechua – die weitverbreitetste indigene Sprache Südamerikas – außerdem die Sprache seines Stammes und Castellano (= Spanisch). Alles was ich nicht verstehe, das übersetzt mir Willy.

Er breitet kleine Flaschen, Federn und eine kunstvoll verzierte Pfeife aus und wechselt von seinem drei streifigen Trainingsanzug in einen Anzug aus edel wirkendem weißem Stoff. Dann geht das Licht aus in dem fensterlosen Raum. Es soll erst wieder angehen, als diese unglaubliche Nacht im Morgengrauen zu Ende geht und mein Weltbild auf dem Kopf steht.

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