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Mut zur Endlichkeit (III) – Metamorphose.

„Die Metamorphose (griech. μεταμόρφωσις = Verwandlung), auch Metabolie (griech. μεταβολή = Veränderung), ist in der Zoologie die Umwandlung der Larvenform zum Adultstadium, dem geschlechtsreifen, erwachsenen Tier (Gestaltwandel).“ Wikipedia

Zielstrebig bahne ich mir meinen Weg über den Plaza Major del Cusco, auf dem sich in der Nachmittagssonne die Touristen tummeln. Für alle, die daran Geld verdienen, rollt jetzt der Rubel. Ein Mann macht mich hartnäckig auf sein Sortiment aus gefälschten Sonnenbrillen und Selfie Sticks aufmerksam. Im Schatten der Kirche eile ich vorbei an den traurigen Damen, die mit Prospekten in der Hand auf ihr Angebot hinweisen: „Nice massage, good price.“ Mit wenigen Schritten umrunde ich eine Gruppe Asiaten. Kameras klicken wild durcheinander. Fast habe ich die andere Seite des Platzes erreicht, als zwei Touranbieter, bewaffnet mit Bildern von glücklichen Touristen am Machu-Pichu, gleichzeitig auf mich losgehen. Ich drücke mich in einen Hauseingang, aus dem mir frischer Kaffeegeruch entgegen weht. Kurz darauf steht ein dampfender Cappuccino vor mir, in dessen Milchschaum die Bedienung ein Herz gemalt hat.

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Hoch oben in den Bergen: Cusco und sein Plaza Major.

Gegenüber am Tisch, zwischen gigantischen Rucksäcken, sitzen zwei junge Rucksacktouristinnen, die man wahrscheinlich überall auf der Welt in Cafés wie diesen antreffen kann. Der Kellner bringt ihnen entkoffeinierten Milchkafee mit lactosefreier Milch und Karamellsirup im 0,7 Liter großen handgeschöpften-fairgehandelten-recycling-Pappbecher. Meine kleine Keramiktasse und ihr wenig exotischer Inhalt wirken daneben sehr durchschnittlich. Unsere Blicke treffen sich als eine der beiden von ihrem Smartphone aufsieht und mich fragt:

„Und, schon (Machu) Pichu gemacht?“ Ich verneine, sage, dass ich noch überlege ob ich gehe. Die andere hustet ein „It’s incredibly-awesome! (Unfassbar großartig)“ in ihren Becher und fährt mit laktosefreiem Milchbart fort, „da musst du hin, sonst warst du echt nicht in Peru!“

„Verstehe“, sage ich höflich, obwohl ich es eigentlich nicht tue. Das passiert mir in letzter Zeit häufiger.

Machu Pichu. Seit Tagen frage ich mich, ob ich es mir leisten kann, dort nicht hin zu gehen. Es gibt wohl kaum einen härteren Gegensatz zu der bisherigen Reise als der Turbo-Tourismus um das Weltkulturerbe. Pichu oder nicht Pichu ist wohl Geschmacksache, aber auch ohne hatte ich viel zu verdauen. Zwei Monate bin ich jetzt in dem riesigen Andenland unterwegs. Was hatte mir Peru von sich gezeigt, wo hatte es mich ergriffen? Vor meinem inneren Auge läuft ein Film ab.

Peru.

Nur ein Teil von Peru’s Vielfalt.

Mein Peru, das waren die unfassbar langen Anstiege, die aus dem Dschungel in Ecuador und der Küstenwüste am Pazifik auf die Hochplateaus der Anden führen. Schneebedeckte Berge, eine handvoll Lamas, die am Straßenrand grasen. Sie sind die ganze Habe eines Hirten, der mit schmutzigem Gesicht und funkelnden Augen unter einem der wenigen Bäume im Schatten sitzt. Kinder, die mit kaputten Hosen und nackten Füßen die Kaffeeernte auf der Straße zum Trocknen ausbreiten. Eisige Nächte unter der Milchstraße, zwei volle Monde lang. Bunte Kleidung, breite Gesichter. Einkaufsbummel auf den beeindruckenden, lebendigen Märkten, von denen Touristen abgeraten wird, sie aufzusuchen. Schweigsame Tage im Vipassanazentrum. Sommersonnenwende in den Anden.

Und schließlich die mit Abstand verrückteste Nacht mit meinem Freund Willy und dem Medizinmann Porfi vom Amazonas. Weder Bilder noch Videos könnten bezeugen was dort geschah. Auch Wochen später ist die Erfahrung immer noch so präsent, dass es mich bei dem Gedanken daran schüttelt.

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Es stellt sich nur die Frage wie man etwas beschreibt, das so fernab vom rational-alltäglichen liegt. Am ehesten war es wohl ein sehr realer Traum. Wem beim Lesen die Vermutung kommt, ich hätte den Verstand verloren, so kann ich dies bestätigen. Als ich ihn zurück bekam, staunte ich nicht schlecht, was alles dahinter verborgen liegt. Aber vielleicht sollte ich besser vorne beginnen.

Ohne Worte.

Manche Dinge sind einfach schwer in Worte zu fassen.

Verrückt, wie sehr die bloße Abwesenheit von Licht die Wahrnehmung verändert. Alles wirkt eine Spur dramatischer, wenn die Dunkelheit ihren Schleier darüber legt. Nachdem Porfi die letzte Kerze gelöscht hatte, saßen wir eine Weile schweigend beisammen. Dann rief er erst Willy und anschließend mich zu sich heran und nun knie ich vor ihm in dem fensterlosen Raum. Aus der Dunkelheit ergreife ich eine gefüllte hölzerne Schale. Sie liegt erstaunlich weich in meinen Händen. Ihr flüssiger Inhalt verströmt einen fremden, säuerlich-erdigen Geruch und sofort flackern Bilder meiner Fahrt durch den Dschungel vor wenigen Wochen auf. Gleichermaßen fasziniert wie verängstigt hatte mich damals dieser in sich geschlossene Mikrokosmos, in dem Geburt-Leben-Tod gleichzeitig zu existieren scheinen. Irgendetwas zwischen Mutter Natur’s Gebärmutter und Komposthaufen an einem Ort, hatte ich damals gedacht. Die Essenz davon halte ich nun in den Händen und der Moment, sie mir einzuverleiben, rückt näher.

Am Horizont meiner Gedanken ziehen Zweifel auf. Wäre auch komisch, wenn sie nicht da wären, begleiten sie nicht alles Neue? Noch zu Beginn meiner Reise hatte ich jede Form der chemisch eingeleiteten Psyschonautik abgelehnt. Seitdem hatte sich viel verändert und in mir reifte die Vermutung, dass ich das meiste was ich ablehne, gar nicht kenne.

Ein letztes Mal krame ich mein geistiges Gepäck zurecht, atme tief ein und aus und nehme den ersten Schluck der flüssigen Erde in mich auf. Der Geschmack ist eine recht komplexe Komposition. Überaus intensiv, nicht vergleichbar mit etwas, das je auf meine Geschmacksnerven traf. Vielmehr schmeckt es nach allem was ich kenne zusammen, verfeinert mit ein paar Löffeln fermentiertem Kompost. Nicht unbedingt das Rohmaterial für den nächsten Sommerdrink, aber bekanntlich soll Medizin ja auch nicht schmecken.

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Der Medizinmann.

Zurück auf meinem Platz passiert erst einmal länger nichts. Reisen heißt warten, das war nichts Neues. Gelegentliches Blubbern und Rumoren aus der Magengegend ignoriere ich. Dann beginnt Porfi zu singen. Seine Laute, die Sprache und auch der Rhythmus seiner Lieder sind meinen Ohren fremd, erinnern mich aber entfernt an die wackeligen Filme der nicht digitalen Ära im Biologieunterricht.

Das einzige, was ich immer wieder höre und erkenne sind die spanischen Worte: Hermanito Philips (Brüderchen Philipp), das Wort Guerrero (Krieger) und Medicina (Medizin). Sie formen sich in meinem Kopf zu einer eigenartigen Szene. Der schlaksige Körper, in den ich nun einmal geboren wurde, läuft bunt bemalt mit Lendenschurz auf dem Kriegspfad durch den Dschungel. Als wäre das nicht genug, legt mein Hirn auf eines der angestimmten Lieder Herbert Grönemeyers komischen Text: „Wann ist der Mann ein Mann?“

Krieger

Krieger (ohne Ton).

In die Stille, die zwischen zwei Liedern entsteht, sage ich in die Dunkelheit hinein, dass ich mir als Krieger irgendwie albern vorkomme. Überhaupt sei ja die Kriegertradition in Deutschland eine traurige Angelegenheit und ich Pazifist. Grönemeyer erwähne ich bewusst nicht, weil das wirklich bescheuert klingt. Porfi antwortet mit einem schallenden Lachen. „Brüderchen“, sagt er, „der Krieger ist längst in dir, du hast es nur vergessen. Ich glaube in eurer Welt heißt das Erwachsen werden. Heute Nacht werden wir dich reparieren und daran erinnern.“ „Entiendo (verstehe)“, sage ich verlegen, ohne ganz sicher zu sein, es auch wirklich zu tun.

Dann sagt er feierlich, dass die Zeremonie jetzt beginne. Ich dachte eigentlich, wir wären schon mittendrin. Als mir klar wird, dass es ab hier kein zurück mehr gibt, bekomme ich eine Gänsehaut.

Porfi und Willy singen aus voller Kehle. Das angestimmte Lied wirkt wie eine Kriegserklärung und Widerstand erscheint mir zwecklos. In Ermangelung des Texts summe ich mit so gut ich kann. Einen Augenblick später zieht mich ein enormer Sog nach Innen. Strophe um Strophe, Schicht um Schicht geht es tiefer. Die Töne verschwimmen zu den Flügelschlägen und dem Singen exotischer Vögel, dem Summen von Insekten, alles vibriert, krabbelt, wird geboren, lebt und stirbt. Was fehlt ist die Dramatik des Alltags. Ich spüre wie der Dschungel nach mir greift – oder war ich etwa schon längst Teil davon und hatte es tatsächlich nur vergessen?

Suppentopf

Im Suppentopf.

Je weiter die Nacht voranschreitet, desto weniger kann ich die Grenzen meines Körpers ausmachen. Da es Draußen ohnehin wenig zu sehen gibt, schließe ich die Augen. Langsam beginnt sich die Welt zu drehen und ich habe das Gefühl in einem riesigen Suppentopf zu schwimmen. Durch angenehm warmes Wasser treibe ich, umgeben von meinen Einzelteilen, umher. Von irgendwo fällt Licht herein und ermöglicht, hier und da genauer hinzusehen. Mit großem Erstaunen beobachte ich wie eines meiner Augen an mir vorbei schwimmt, in seinem Kielwasser tänzelt ein Lendenwirbel. Weiter unten im Topf fällt meine Aufmerksamkeit auf ein rechtwinkliges Dreieck. Ich höre meine mechanische Kinderstimme sagen: „Die Summe der Kathetenquadrate entspricht dem Hypothenusen…“ Der Satz bricht ab, da eine Fotografie sich in mein Sichtfeld drängt. Darauf zu sehen ist ein grinsender blonder Junge, dessen dünne Arme eine Schultüte umgreifen. Wie sehr hatte er sich doch auf die Schule gefreut. Am Rand des Bildes klebt eine Notiz. Mit Rotstift hat jemand darauf geschrieben: Hier ist kein Platz für Träumer.

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Was nicht alles so herumschwimmt.

Peu à peu zieht allerlei gelebtes Leben an mir vorbei. Träume-Ängste, Freude-Schmerz, Liebe-Hass, Schuld-Unschuld. Hier und da tut’s weh, dort und da gibt es Grund zu schmunzeln. Von weiter weg pocht es gegen den Topf, bumm-bumm, bumm-bumm, dann wieder dringen Geräusche der Außenwelt zu mir durch. Ich höre Porfi laut auflachen, als hätte er etwas lustiges gesehen, dann wirkt seine Stimme wieder sehr ernst. Sanft, aber bestimmt, rührt er mit seinen Gesängen den Topf durch, krempelt mich auf links. Ich sehe Panik aufflackern und vergehen. Weiß er denn auch, wie man mich wieder zusammenbaut?

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Fernsteuerung.

Mit dem Einsetzten einer neuen Melodie falle ich. Keine Ahnung wohin, aber für einige Zeit bewege ich mich vorbei an Erde und Fels, wie bei der Fahrt durch den Tunnel neulich.

Tunnel.

Neulich im Tunnel.

Als sich der Raum weitet, stehe ich auf einem Plateau. Das wäre mal ein Plätzchen für mein Zelt, denke ich unwillkürlich. Ich schaue an mir herab und stelle erleichtert fest, dass mein Körper wieder ganz ist. Ein Gefühl der Leichtigkeit ist geblieben. Neben mir sitzt ein Paradiesvogel, dessen großen Augen mich erwartungsvoll fixieren. Als er zu reden beginnt ist mir klar, dass die Nacht noch nicht vorbei ist und ich noch immer in der Obhut des Medizinmannes bin.

Vogel

Paradiesvogel.

Er fragt: „Wie geht es dir Brüderchen?“ Als wäre es selbstverständlich mit einem Vogel zu sprechen, erwidere ich: „Gut. Wo sind wir?“ Mit ruhiger Stimme entgegnet er: „In deinem Geist.“ Etwas irritiert bringe ich nichts als ein langgezogenes „Aaaa-haaaa“ heraus. Da mir nichts wirklich Sinnvolles einfällt, frage ich: „Und was machen wir jetzt hier?“

Den Blick auf etwas hinter mir gerichtet, erwidert der Vogel: „Schau dich um“. Erst jetzt fällt mir der Berggipfel auf, der sich hinter mir in der Ferne erhebt. Die Sonne ist im Begriff drüber zu klettern. Direkt vor uns, im Halbschatten des Berges, liegt ein dichter Wald, der sich als breiter Streifen links und rechts bis zum Horizont zieht. Ich spüre, dass der Gipfel eine gewisse Anziehung auf mich hat, während der Wald fremd und bedrohlich wirkt.

Der Berg.

Der Berg, kurz vor Sonnenaufgang.

Als hätte er meine Gedanken gelesen, fragt mich der Vogel: „Der Berg gefällt dir?“ Nach oben blickend sage ich, „oh ja, wunderschön. Was ist da oben?“

Der Vogel breitet seine Flügel aus, unter denen bunte Federn schillern. Dann fährt er fort: „Dort oben liegt alles, was du glaubst zu sein. Es ist wie das Schaufenster deiner Persönlichkeit. Dort kommt rein was gut aussieht, wohl akzeptiert ist und funktioniert. Das ist Philipp 1.0, um in deinen Worten zu sprechen.“

„Und wo ist der Rest, wie werde ich zu 2.0?“, frage ich neugierig, obwohl ich die Antwort bereits erahne. Der Vogel nickt in Richtung des Waldes: „Im Schatten des Berges liegt die andere Seite.“

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Ist da noch mehr?

„Die andere Seite?“, frage ich verwirrt. Der Vogel nickt: „Vielleicht ist dir schon einmal aufgefallen, dass die Welt aus Gegensätzen besteht. Der Tag braucht die Nacht, das Innen das Außen, das Leben den Tod und der Held den Bösewicht, um zu existieren. Das gilt vom größten bis zum kleinsten Teil auch für dich. Dort unten liegt verborgen was du auch bist, aber (noch) nicht sein willst. Eine Art Lagerhalle, in der abgestellt wird, was nicht ins Schaufenster passt. Das meiste davon ist nicht sichtbar, denn für gewöhnlich bevorzugen wir den Blick ins Schaufenster. Das kennt man, das mag man“, gluckst er und zwinkert mir mit einem seiner großen Augen zu.

Etwas eingeschüchtert frage ich: „Heißt das mein Weg führt durch den Wald?“ Der Vogel schaut mich einen Augenblick lang prüfend an, bevor er antwortet: „Wenn du tatsächlich (er-) wachsen (werden) willst, solltest Du diese Seite kennenlernen und Verantwortung für sie übernehmen.“

Ich denke eine Weile darüber nach und will dann wissen: „Geht das nur, wenn ich hier bin?“ Unter einem weiteren Glucksen bringt der Vogel hervor: „Nein, es ist nur etwas einfacher hier, weil dein Verstand dir nicht im Weg steht. Aber wenn Du Draußen anfängst ehrlich zu erforschen was du an dir und anderen ablehnst, bist Du auf dem richtigen Weg. Dort wo du keine Toleranz kennst, wo Angst dich kontrolliert, steht die Tür ein Stück weit offen. All das hat weitaus mehr mit dir zu tun als du glaubst.“

„Verstehe“, was dieses Mal eigenartigerweise sogar stimmte. „Dann gehe ich“, sage ich.
Der Vogel lächelt: „Ruhig Blut Brüderchen. Die Sonne geht draußen bald auf. Es ist Zeit zurück zu kehren. Das hier war der erste Schritt.“
„Wir sehen uns wieder?“, frage ich erstaunt.
„Davon gehe ich aus. Bis es soweit ist, kannst Du üben einen Blick in die Türe zu erhaschen, wenn sie sich öffnet“, murmelt der Vogel und schaut mir tief in die Augen.

Ich erwidere seinen Blick und unverzüglich überkommt mich eine enorme Müdigkeit. Die Szene verschwimmt vor meinen Augen. Das letzte was ich höre sind sich entfernende Flügelschläge. Dann wird es dunkel, ich fliege durch die Nacht, spüre wie mein Körper schwerer wird. Irgendetwas drückt von unten flächig gegen mich. Ich öffne die Augen und sehe Tageslicht, das durch den Spalt unter der Tür in den Raum dringt und die Dunkelheit zerschneidet. War das ein Traum, hatte ich etwa die ganze Nacht hier auf dem Boden gesessen?

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