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[Gem]Einsam durch die Wüste.

Sichtlich gelangweilt sieht mein britischer Freund von seinem Teller zu mir auf, wo ein Viertel Grillhuhn und die schlaffsten Pommes südlich des Äquators um Trostlosigkeit wetteifern. Während er eine weitere Gabel schmatzend in sich hinein befördert, fragt er: „Wen willst Du in San Pedro de Atacama eigentlich besuchen?“ Worauf ich ein knappes „Ne‘ Freundin“ herausbringe. Mit vollem Mund hakt er nach: „Eine Freundin. Uuuund?“
„Naja sie hat mir vor ziemlich genau neun Jahren in Indien einmal das Leben gerettet.“

Für einen Moment steht die fettige Luft zwischen uns still und ich bilde mir ein zu beobachten wie die Phantasie hinter den Augen meines Gegenübers ein Daumenkino aus Gedanken zum Leben erweckt. Jetzt habe ich ihn, denke ich mir. Da der Rest der Geschichte auf ziemlich beschissene Weise mit meinen gegenwärtigen Verdauungsproblemen verknüpft ist, verspüre ich allerdings nur wenig Lust, mehr davon zu erzählen. Außerdem muss ich wirklich dringend aufs Klo.

Fast wie Urlaub.

Wir lieben Selfies.

Zurück auf dem Zimmer liegen wir unter schweren Wolldecken vergraben, welche die bolivianische Antwort auf Gebäudeisolierung und Heizung sein sollen und besprechen unser weiteres Vorgehen. Ross hatte ich vor einigen Wochen zum ersten Mal in der Entenschlucht im Norden Perus getroffen. Mit seinem trockenen Humor, dem Talent in den unmöglichsten Situationen einen platten Reifen zu bekommen und einem unstillbaren Appettit auf alles, was ungesund ist, hatte er sich sogleich als Reisepartner qualifiziert, auf dessen Rücken sich eine Geschichte aufbauen lässt.

Ph oss

Ph oss

Bei unserem letzten Wiedersehen in Cusco heckten wir den Plan aus, dem kalten bolivianischen Winter im Altiplano (= Hochplateau) gemeinsam zu trotzen. Vom heiligen Tal der Inka zogen sich die Straßen bis hinauf zum gigantischen Titikakasee, dessen malerisches Nordufer mich auf direktem Weg nach Bolivien brachte. Dort hatten wir uns verabredet.

Sonnenuntergang am Lago Titticaca.

Sonnenuntergang am Lago Titticaca.

Auf nur 600 Kilometern vom peruanischen Cusco zu den Toren der höchsten Hauptstadt La Paz in Bolivien, vollzieht die Welt einen spürbaren Wandel. Die Luft wird dünner, trockener und kälter und die Mentalität der Menschen hat sich dem gefügt. Das neue Land wirkt fremd, so als hätte ich beim Überqueren der Grenze einen anderen Kontinent betreten. Einen, in dem die indigenen Bevölkerungsgruppen nicht zurückgezogen als Randerscheinung der durch den Kolonialismus geprägten Kultur Leben dürfen, sondern das Gesellschaftsbild mitprägen.

Cheese...alle mal Lachen!

Cheese…alle mal Lachen!

Bis auf die wenigen Zentren des Tourismus zeigt sich Bolivien sehr ungeschminkt und meist nur wenig interessiert an Gringos wie uns. In insgesamt 4 Wochen, die ich hier verbringe, sehe ich keinen einzigen Polizisten – was im sonst eher paranoiden Südamerika tatsächlich etwas besonderes ist. Allerdings hatte ich auch keinen Anlass, nach ihnen zu suchen.

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Dass ausgerechnet Bolivien das ärmste Land Südamerikas ist erscheint paradox, denn Mutter Natur hat hier zwischen Dschungel und Hochebene viele ihrer Schätze in großen Mengen vergraben. Zugleich Fluch wie Segen, wenn man die Geschichte der jahrhundertelangen Ausbeute, wie z.B. in den Silberminen von Potosí, betrachtet, um nur einen der Schauplätze des rücksichtslosen europäischen Kolonialismus zu nennen. Das Erbe dieser Zeit haben die Großkonzerne angetreten und mit Handelsabkommen, Schürfrechten und Lobbyismus perfektioniert. Der Mythos des Befreiers Simon Bolivar, der Namensgeber für Straßen, Plätze, Währung und nicht zuletzt für das Land selbst ist, wird warmgehalten, reicht aber auch nicht aus, um hier etwas zum Überkochen zu bringen. Ein frischer Anstrich aus Patriotismus kann nicht verbergen, womit viele ehemalige Kolonien neben den ökonomischen Problemen zu kämpfen haben. Die Suche nach einer eigenen Identität zwischen Coca Cola, Monsanto, Folklore und Christentum.

auf dem Markt.

Auf dem Markt.

Entgegenkommende Reisende erzählten mir mit vor Begeisterung leuchtenden Augen von Bolivien, den Salzwüsten, den sternenklaren Nächten, von Lagunen mit Flamingos und von Lamas, die in den einsamen Weiten die karge Landschaft abgrasen. Für alle, die mit dem Fahrrad reisen, ist das aber nur die halbe Wahrheit. Auf der anderen Seite der Medaille stehen die nur zu 30% asphaltierten Straßen, Waschbrettpisten, Sand. Und das Ganze natürlich konstant auf ungefähr 3600 Metern Höhe. Vergaß ich zu erwähnen, dass hier Winter ist? Vielleicht hatte mein Körper den Braten gerochen und versuchte mich erst mit einer Erkältung und anschließend mit Verdauungsproblemen von der Weiterreise abzuhalten.

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Kein untypisches Bild im Altiplano.

Wenige Tage später stehen wir mitten in einer riesigen weißen Fläche. Vier ratlose Augen schauen auf den Kadaver eines Lamas, das sich in der Salzwüste verirrt haben muss. Vollkommen eingetaucht in die Freude auf der weißen, glatten Salzschicht dahinzugleiten, hatten auch wir die Orientierung verloren. Da ich in den letzten Tagen anderweitig beschäftigt war, hatte Ross die Planung zur Durchquerung der Salzwüste übernommen. Tagelang durchforstete er das Internet und las Empfehlungen. Rückblickend hätte vielleicht einfach ein Kompass geholfen, unser Problem zu lösen.

Ob wir wohl auf dem richtigen Weg sind?

Ob wir wohl auf dem richtigen Weg sind?

Nach beidseitigen wilden Vermutungen darüber, wo sich der Süden momentan versteckt hält, gebe ich widerwillig klein bei. Die Sonne, deren Position Aufschluss liefern könnte, drückt sich mit schweizer Neutralität im Zenit herum. Ross‘ Überlegung, einfach weiterhin querfeldein zwei einsamen Fahrradreifenspuren zu folgen, kam mir nicht sonderlich schlüssig vor. Immerhin war er sich seiner Sache sicher.

Reifenspuren ein totsichere Spur

Reifenabdrücke… eine totsichere Spur.

Wir lassen das tote Lama zurück und folgen den Spuren, die nach einigen Kilometern immer tiefer im sandig-salzigen Untergrund versunken liegen. Nur wenige Kilometer weiter sinken unsere Räder soweit ein, dass nichts bleibt als zu Schieben. Mit jedem der folgenden 17 Kilometer, die wir so zurücklegen, wächst mein Unmut. Einerseits darüber, dass ich nicht selber nachgesehen habe, wo es lang geht und andererseits über meinen Reisepartner, der unerschütterlich daran festhält, dass dies eine Abkürzung sei. Da war sie also unsere erste Krise. Die Wüste ist, was Konflikte und deren Dynamik angeht, wohl der Gegenpol zu den Seelbooten, auf denen ich noch vor wenigen Monaten gereist war. Während man trotz der Enge des Schiffes versucht sich aus dem Weg zu gehen, besteht hier in der Wüste eher die Kunst darin, beieinander zu bleiben. Den Rest des Tages verbringen wir schweigend mit einigem Sicherheitsabstand zueinander.

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Treffpunkt seit Jahrtausenden: Lagerfeuer.

Erst abends am Lagerfeuer suchen wir, bei scheußlichem Nudel-Dosenthunfisch-Zwiebel-Mayonaise-Mix, die Annährung. Ross erklärt, es sei irgendwie anders gelaufen als erwartet. Wir stellen fest, dass so etwas nicht passiert, wenn man alleine reist. Da ist man immer selbst schuld. Allerdings hat das gemeinsame Reisen doch auch erhebliche Vorteile. Nur selten mache ich alleine Lagerfeuer. Ein Ritual, das im frostigen bolivianischen Winter den Anfang und das Ende des Tages erst erträglich macht. Zwischen Funken und Rauch ist das Feuer seit Menschengedenken ein Ort der Zusammenkunft. Dort wo Feuer ist, können wir überleben. Außerdem laden die Flammen und die Glut zum Erzählen ein und wie von selbst reflektieren wir, erzählen schlechte Witze und schlagen absurde Wetten vor. So versuchte Ross mich über Wochen für eine Wette zu begeistern. Inspiriert von einem seiner Lieblingsfilme war er sich sicher, er könne in der nächsten Stadt 30 hartgekochte Eier auf einmal essen. Wahrscheinlich hätte ich alleine auch nie derartige Kreativität beim Kaffekochen an den Tag gelegt. Aus Wassermangel kochte der Brite den Morgenkaffee mit dem Eierwasser im nur oberflächlich gereinigten Topf, der am Vorabend die Thunfisch-Zwiebel-was-auch-immer-Scheußlichkeit hervorbrachte.

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Salz, Salz, Salz.

Die Salzwüste von Uyuni ist die weltweit größte ihrer Art und angeblich schlummert darunter auch der größte Lithiumvorrat unseres Planeten. Zur Durchquerung kann man entweder querfeldein sein Glück versuchen oder man folgt einer ausgefahrenen Trasse, die an zwei Inseln vorbei führt und in der Mondlaftschaft Orientierung bietet. Keine Tiere, keine Pflanzen, keine Steine, kein Wasser und auch nichts anderes. Beim genaueren Hinsehen besteht diese große Fläche aus kleinen ausgehärteten Salzlaken, die sich bis zum Horizont fortsetzen. Im sanften Orange, das die tiefstehende Sonne auf den weißen Hintergrund legt, rollen wir beinahe geräuschlos tiefer ins Nichts hinein.

Nur hier und da knackt und knirscht die Salzdecke, wenn die schweren Räder darüber rollen. Es ist das wahrscheinlich unbeschwerteste Fahren, das man sich vorstellen kann. Auf der bisherigen Reise hatte ich immer nur für kurze Momente gewagt die Augen zu schließen. Dennoch war ich jedes Mal überwältigt von dem Gefühl, vollkommen einzutauchen in das Wunder dieser simplen und zugleich so komplexen Art der Fortbewegung. In den riesigen Weiten der Salzwüste lassen sich diese Momente gefahrlos ausdehnen. Fünf Minuten kommen mir vor wie Jahre, der kühle Fahrtwind, die sanfte Wärme der Sonne auf der Haut, die Bewegung des Körpers und die Fähigkeit, das ungleiche System aus Mensch und Maschine in Balance zu halten. Unbeschreiblich.

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Technik: Licht&Schatten auf Salz; Künstler: PachaMama y PadreSol.

Die manchmal mühselige Suche nach einem Schlafplatz ist relativ einfach, da kilometerweit wirklich das immer Gleiche wartet: Nichts. Einzig die LKWs gelten Nachts als Gefahr, da sie vermutlich ebenfalls mit geschlossenen Augen beim Querfeldeinfahren ein einsames Zelt übersehen könnten. Mit den letzten Sonnenstrahlen klettern wir in unsere Zelte und hoffen auf nur milden Frost heute Nacht.

Lkw.

Lkw-Verkehr.

Eine halbe Mütze Schlaf später knie ich mit herunter gelassener Hose auf allen Vieren vor meinem Zelt. Es muss ein bizarres Bild sein. Die endlose weiße Salzfläche, in der sich das blaue Mondlicht reflektiert, darüber Millionen Sterne und schließlich ein Homo Sapiens, der den aufrechten Gang verlernt hat. Während mein Körper versucht sich des Magen-Darminhalts, mal oben und mal unten, zu entledigen, sehe ich den Koch von heute Mittag wieder vor mir. Ich war ihm nach dem Mittagessen auf dem Klo begegnet, dass er verließ, ohne sich die Hände zu waschen.

Insgesamt werde ich in dieser Nacht vier Mal das Zelt verlassen. Die größte Herausforderung besteht darin, die unzähligen Kleidungsschichten, inklusive einer Latzhose, zum rechten Zeitpunkt auszuziehen. Beim  Anziehen zwischen den „Sessions“ fällt mein Blick auf das Emblem im Inneren meiner Daunenjacke, die ich erst vor kurzem gekauft habe. Sie ist die bolivianische Kopie einer großen US-Outdoorfirma, die ihre Produkte mit dem Spruch: Never stop exploring (= Höre niemals auf zu erkunden) bewirbt. Ich hatte nie erwartet auf dem Gemüsemarkt zwischen Lamafleisch und Suppengrün ein Original erstanden zu haben, war aber von der Inschrift meiner Jacke und dem vermeintlichen Fehler, der den Fälschern unterlaufen war, durchaus berührt. Unter dem Firmenemblem hatte man ein Wort vergessen, dass die Bedeutung durchaus veränderte. Kurz frage ich mich, ob mir das Universum vielleicht eine Nachricht schicken will? Meine Jacke war die Stop Exploring Edition (= Höre auf zu erkunden). Selten wollte ich so sehr, dass es morgen wird, aber eigentlich wollte ich nur eins: Schnell nach Hause.

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Im Autopilot Richtung Insel.

Dieses Gefühl begleitet mich die nächsten 70 Kilometer, die ich hinter Ross, im Reservemodus auf Keksen und Wasser, in Richtung der großen Insel rolle. „Wo wohl der nächste Flughafen ist?“, frage ich mich. Die Insel kann durchaus als ein spezieller Ort bezeichnet werden. Neben hunderten Touristen sind dort insgesamt acht Radfahrer aus sechs Nationen gestrandet. Und das, obwohl sie kaum größer ist als ein Fußballplatz und nicht vielmehr als ein Treffpunkt für Kakteen zu sein scheint. Als die untergehende Sonne über den eigenartigen Pflanzen lange Schatten wirft, verlassen die Jeeps mit den Touristen die Insel.

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Die Kakteeninsel.

Wir schlafen zu acht, Matte an Matte, in einem engen Raum der inoffiziell als Notübernachtung zur Verfügung steht. Zwei Engländer, ein Ire, zwei Deutsche, ein Türke, ein Brasilianer, und ein Argentinier teilen 12qm.

Unsere Höhle auf der Insel Incahuasi.

Unser Insel Notlager.

Mit Federico, dem Argentinier, komme ich länger ins Gespräch. Er erzählt mir von seiner Heimat in Patagonien, zeigt mir Fotos und ermutigt mich, nicht aus der momentanen Stimmung heraus eine Entscheidung zu treffen. Außerdem lädt er mich ins Haus seiner Eltern im 4000 Kilometer entfernten Norden Patagoniens ein. Ein Scherzkeks. Dennoch erinnert er mich an das Bild in meinem Kopf, das wohl Vater des Gedankens und der Sehnsucht war, den langen Weg hierher anzutreten. Patagonien. Wir tauschen Kontakte und Landkarten aus und verabschieden uns am nächsten Morgen voneinader. Einer fährt nach Norden und einer nach Süden. Dass ich Wochen später tatsächlich auf der Geburtstagsparty seiner Mutter als sein Stellvertreter zu Gast sein werde, hatte ich gegenwärtig nicht für möglich gehalten – und es ist überdies auch eine andere Geschichte. Für heute war nur klar, dass das hier noch nicht das Ende sein kann. Mit einem Edding ergänze ich die Inschrift meiner Jacke: Never stop Exploring out of a bad mood. (= Stoppe Erkundungen niemals aus einer schlechten Stimmung).

Sagt man nicht: „Geh‘ wenns am schönsten ist.“ Was ja wohl bedeutet, dass, wenn es nicht am schönsten ist, man auch nicht gehen soll, oder etwa nicht?

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