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Hungrig im Kühlschrank.

Einsam stehen zwei Zelte in der weiten Talsohle, umgeben von nichts als Sand, kleinem Buschwerk und einem fast ausgetrockneten Fluss. Das Wasser liegt trotz der herauf eilenden Morgensonne tiefgefroren und bewegungslos da, als hätte die Winternacht ein frostiges „Ich-war-hier“ an den Tag hinterlassen wollen. Bis zum Sonnenaufgang hörte ich meinen Zeltnachbar gelegentlich über die Kälte fluchen. Jetzt klappert Geschirr und meine Phantasie malt ein Bild des dampfenden Frühstücks, dem ich sehnsüchtig entgegenfieber.

Frühstücksphantasie

Ein neuer Tag im bolivianischen Altiplano aka „der Kühlschrank“ beginnt.

Durch den Lüftungsschlitz im Zelt fällt mein Blick auf die kleinwüchsigen Büsche. Sie sind die einzigen Vertreter der Pflanzenwelt in der vorherrschenden Mondlandschaft, frei von jedem Talent als Feuerholz oder Sichtschutz für die Morgentoilette herzuhalten. Während ebendiese mich dazu veranlasst meinen mehrschichtigen, wärmenden Cocon zu verlassen, stelle ich fest, dass es hier an Privatsphäre nun wirklich nicht mangelt. Umso erstaunter bin ich, als ich durch das Moskitonetz im Eingang zwei unscharfe Gestalten entdecke, die sich auf uns zu bewegen. Wer sind die Fremden und wie haben sie uns finden können?

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Wer sind die Fremden?

Ich klettere aus meinem Zelt und vor mir steht ein etwas ramponiertes Pärchen aus Mensch und Hund. Der Zweibeiner, dessen exotischen Gesichtszüge mich daran erinnern, wie weit ich eigentlich von zu Hause weg bin, lässt sich an den Resten des gestrigen Lagerfeuers nieder. Er wirkt als sei er aus einer der vielen Abenteuer-erzählungen in meinem heimischen Bücherregal entflohen. Wie aufregend!
Ein einziger erkennbarer Schneidezahn unten links und die mit Cocablättern prall gefüllte Backe des Mannes verwandeln das Gespräch in ein Ratespiel. Er stellt sich als Lamahirte namens Angél vor und deutet auf meinen Pullover, auf dem das weit und breit einzige Lama aufgestickt ist. Seinem erhobenen Finger folgend, fällt mein Blick auf die groben Hände, an deren linken Daumen ein dunkles, von Blut gefärbtes Tuch mit Klebeband fixiert ist.
Sein vierbeiniger Begleiter vom Typ laufende Achselhöhle, wie sie überall auf dem Planeten zu existieren scheinen, inspiziert derweil unsere Mülltüte. „Wie heißt dein Hund“, frage ich, um das Gespräch anzukurbeln und mich davon abzulenken, dass ich eigentlich in anderer Mission das Zelt verlassen hatte. Unter erneutem zur Schau stellen des einsamen Zahnes erwiedert Angél: „Er heißt Hund“, gefolgt von einem nach Bestätigung suchenden „kann man sich gut merken, oder?“. Sein vierbeiniger Begleiter blickt von der Mülltüte auf und für einen Augenblick verweilt mein Blick auf seinem seltsamen Antlitz, dessen auffälligstes Merkmal ein stattlicher Unterbiss ist. Als Ross mit einem dampfenden Topf in der einen, einer Flasche Kocherbenzin in der anderen Hand das Zelt verlässt, huscht ein Lächeln über das Gesicht des Hirten. Ob er wohl Hunger hat?
Die Einladung mit uns zu essen lehnt er ab, deutet aber auf die Flasche Benzin mit der Aufschrift „Alkohol 96%“. Vielleicht will er ja seine Wunde desinfizieren, denke ich mir. Seit Wochen kochen wir mit dem hochprozentigen Alkohol, den man in ganz Südamerika als „Alcohol industrial“ entweder in den pharmacias (=Apotheken) oder Ferreterias (=Eisenwarenläden) kaufen kann. In Bolivien sind die Flaschen mit dem Zusatz „potable“ (=trinkbar) versehen. Ich vermute, dass vielleicht einfach jemand bei der Produktion das “no“ vor dem “potable“ vergessen hat. Mit skeptischem, aber durchaus interessiertem Blick reicht Ross ihm die Flasche. Der Hirte riecht daran, lächelt und genehmigt sich einen ausgedehnten Schluck. Wir staunen blos.

prost

Prost.

Der Vorgang wiederholt sich einige Male während wir ein Gespräch führen, das der Konsistenz des zähen Frühstücksbreis nacheifert. Als der etwas vergessliche, aber sehr wissbegierige Angél zwischen seinen Erfrischungsgetränken zum dritten Mal in fünf Minuten fragt, ob wir Brüder seien, wirft Ross mir einen irritierten Blick zu und kommentiert betont beiläufig in unserer Geheimsprache (Englisch), dass der Typ ein wenig plem-plem sei. Außerdem trinkt er unser Küche leer. Als hätte Angél verstanden wovon wir reden, springt er nervös auf, sagt irgendwas davon, dass die Lamas warten, wobei er ein weiteres Mal auf meinen Pullover deutet. Dann fixiert er uns und sagt: „Schaut, dass ihr hier wegkommt. Weit weg. Am besten zurück nach Uyuni. Es wird Sturm geben“. Wir blicken uns um, können aber weder Lamas noch irgendein Anzeichen für schlechtes Wetter erkennen. Außerdem hätte man über alles reden können, aber nach Uyuni, das wir erst vor zwei Tagen verlassen hatten, bringen uns keine zehn Pferde zurück.

Rückblick: Uyuni war wie die meisten bolivianischen mittelgroßen Städte eine form- und lieblose Ansammlung roter Ziegelbauten. Unser Aufenthalt dort stand ganz im Zeichen der Regeneration und Heilung von dem immer noch in Schüben auftretenden bolivianischen Brech-Durchfall, den mein sarkastischer Reisepartner als Boulivie bezeichnete. Das Schicksal hatte uns auf eigenartige Weise zusammengebracht. Meine unfreiwillige Fähigkeit, in Rekordzeit Nahrung aus dem Körper zu befördern, beherrschte Ross virtuos in die andere Richtung. Nicht selten kam es vor, dass ich – ein vielgescholtener Schnellesser – noch mit der Vorspeise beschäftigt war, während Ross schon den letzten Gabelbissen in sich hinein beförderte und mit vollen Backen und großen Augen nach dem Dessert schielte. Je länger die gemeinsame Reise dauerte und je weniger Platz für gute Manieren blieb, desto mehr wirkte der anfangs Fremde mit seinen Eigenheiten wie eine vollkommen überzeichnete Karikatur meiner selbst. An guten Tagen konnte das sehr lustig sein, an schlechten nicht.

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Uyuni Highlight Nummer Eins: Die Militärkapelle zieht um den  Hauptplatz von Uyuni.

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Uyuni Highlight Nummer Zwei: Ein Besuch auf dem Eisenbahnfriedhof.

Schlussendlich ließ sich zumindest mein Verdauungsproblem mit Hilfe von drei pinken Antibiotikumpillen lösen. Auch wenn die Stadt an Trostlosigkeit kaum zu überbieten war, fiel uns der Aufbruch ungemein schwer, was wohl daran lag, dass vor Uyuni zugleich nach Uyuni war. Nichts. Bevor man auf die bis zu 5000m hohe Lagunenroute aufsteigt, zieht sich ein unasphaltiertes Band durch windige, weite Täler, die selbst den Lamas, Alpakas und ihren Hirten zu unwirtlich sind. Letzlich war es wohl die Sehnsucht nach Wärme die uns in Richtung der nur wenige hundert Kilometer entfernten chilenischen Grenze aufbrechen ließ.

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Einsam im Wind.

Ich hätte nie gedacht, dass Wind von der Seite derart unangenehm sein kann. Die eisige Brise transportiert allerhand Sand und Erde durch die Luft, die auf der Sonnenbrille ein leises Prasseln und auf der nackten Haut ein unangenehmes Kribbeln erzeugen. Vom Wind weg gedrückt, lande ich immer wieder am linken Rand der Piste. Als ich mein Fahrrad zum zweiten Mal aus dem angrenzenden Graben wuchte, glaube ich verstanden zu haben, dass die Zeit zum Schieben gekommen ist. Im Windschutz eines eingefallenen Adobehauses (Adobe=Lehmziegel) beraten wir uns bei einer Tasse knirschenden Instantnudeln über unsere Möglichkeiten. Angél hatte also recht behalten, was bedeutet, dass wir nicht wie erwartet Vorankommen und damit ein Versorgungsproblem haben werden. Jeder der sieben Tage war mit einer festen Proviantmenge vorausgeplant und ließ nur wenig Spielraum für Verzögerung. Mit etwas Glück würden wir in den kleinen Dörfern Lebensmittel kaufen können. In der Ferne bewegt sich ein Lastwagen im Wind wankend auf der Piste in unsere Richtung. In der Hoffnung den widrigen Umständen auf der Ladefläche entgehen zu können, probieren wir unser Anhalterglück.

Kurze Zeit später sitzen wir neben zwei Arbeitern unter einer Decke auf der Ladefläche des LKW. Nach nur einer halben Stunde endet die gemeinsame Fahrt in einem kleinen Dorf. Der Wind kommt mir nun noch stärker vor und weht mich zur Begrüßung auf dem Fahrrad sitzend um. Die Straßen des Dorfes sind wie leer gefegt und zielstrebig eilen wir zum größten Gebäude der Stadt, dessen Innenhof unverschlossen vor uns liegt.
Ein Mann kommt auf uns zu und fragt ohne große Umschweife  „Habt ihr euch verlaufen?“ Wir erklären unsere Lage und bitten um Windschutz zur kurzen Verschnaufpause. Er nickt und deutet zum hinteren Teil des Gebäudes. Wir treten ein und zum ersten Mal an diesem Tag ist es wirklich windstill. Nur durch ein zerbrochenes Fenster weht ein sanftes Lüftchen herein und erinnert an den Sturm, der draußen tobt. Mit knappen Worten bietet uns der Mann, der wohl so etwas wie ein Hausmeister ist, das Lager für die Nacht an. Der Sturm würde nicht besser werden, sagt er. Glücklich darüber, welches Ende dieser Tag der mit Alcohol industrial begann doch genommen hat, versuche ich das zerbrochene Fenster zu verschließen.

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Schmutzig aber glücklich.

In der Reflektion der Fensterscheibe entdecke ich ein mir fremdes Gesicht. Mein eigenes – eingefallen und schmutzig. Nun war ich es, der aussah wie ein Statist aus einer Abenteuererzählung. Ross, der mit seinen blondierten, wilden, mittellangen Haaren ohnehin aussieht als wäre er aus einem Comic geklettert, inhaliert gerade eine Packung Schokokekse und holt mich damit zurück in die nur wenig leuchtendende Realität. Aus ihr formt sich die Frage, wie wir hier wegkommen sollen, falls der Sturm andauert. Der dünne Verkehr gibt nur wenig Anlass zur Hoffnung auf eine Mitfahrgelegenheit. „Was ist mit dem Bus?“, fragt Ross. Vom Hausmeister wussten wir, dass an gewissen Tagen ein Bus fährt. Wann und wo war aber noch unbekannt. Sollte er uns inklusive der Räder überhaupt mitnehmen, dann sicher zu einem Extrapreis, dessen Höhe von der Ausweglosigkeit der Situation abhängt. Die Frage, wie viel Geld wir eigentlich noch haben, drängt sich aus diesem Zusammenhang geradezu auf. Da der Geldautomat in Uyuni mir am Tag der Abreise die Zahlung verweigerte, war ich auf eine Rückzahlung aus der Gruppenkasse angewiesen, für die Ross verantwortlich war. Mit dem Betrag von ungefähr 40 Bolivianos (=5€) hatte ich gedacht, eventuell notwendige Ausgaben bis zur Grenze decken zu können. Dort kämen dann die US-Dollar ins Spiel, die wir als Notgroschen bei uns führten und wir hofften darauf, dass sie jemand tauschen würde. Den Blick auf einen unsichtbaren Gegenstand am Boden fixiert, ewiderte Ross, er habe noch ungefähr 8 Bolivianos (=1€). „Und der Rest?“, legte ich mit ungläubiger Miene nach. „Ist für den chilenischen Wein draufgegangen, den ich gestern am Lagerfeuer getrunken habe.“

Das Beweisfoto.

Der vorige Abend. Ein Erinnerungsstück der besonderen Art.

Die Manege öffnete sich ein zweites Mal auf dieser Reise für einen Konflikt, dessen Verlauf dem Streit eines alten Ehepaares in nichts nachstand. Um die Wogen zu glätten schlägt Ross vor, bereits hier ein paar US-Dollar zu tauschen. Dann hätten wir zumindest Geld für etwas Vernünftiges zu essen und vielleicht noch mehr für den Bus. Nickend behalte ich meine Skepsis darüber für mich, dass in einem Dorf wie diesem, in dem die frohe Kunde um den Fall der Berliner Mauer vermutlich noch aussteht, wahrscheinlich gerade niemand US-Dollar braucht. Nicht zum ersten Mal kommen mir Zweifel über unsere Gruppenreise. Da man solche Scherereien alleine einfach nicht hat, überlege ich, wann und wie sich dieser Zustand zeitnah auflösen lässt. Eine halbe Stunde später trottet Ross mit hängenden Schultern durch die Tür. Er hatte alles versucht, leider gab es niemanden der US-Dollar wollte – was man sich ja auch hätte denken können, wie er feststellt. Ich tue, als fände ich das wirklich abwegig und klopfe ihm anerkennend auf die Schulter. Dann verschwindet er in der Tür, um einen Augenblick später mit einem schelmischen Grinsen zurückzukehren, das auch mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Vor sich trägt er eine große braune Einkaufstüte, die neben einer Flasche Wein und zwei Kerzen die Zutaten für ein einfaches, aber leckeres Abendessen beherbergt. Hätte ich so etwas wohl alleine erlebt?

Dinner

Happy End.