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Vom Winde verweht.

Ich wache auf, weil mir irgendetwas Warmes über das Gesicht läuft. Draußen ist es noch dunkel. Im Schein der Stirnlampe stelle ich erschrocken fest, dass meine linke Hand voller Blut ist. Habe ich im Schlaf etwa Ross umgebracht? Die Panik verfliegt als ich meinen Kopf zur Seite drehe und damit in Ross‘ weit geöffneten Mund schaue. Sein Atem riecht nach Kopfweh bzw. Rotwein und ich kann förmlich spüren wie ein kleiner Kater seine Krallen nach mir ausstreckt.
Der Abend war gesellig, mitunter sogar sehr lustig. Selbst die Gitarre war für ein paar Lieder aus ihrem Winterschlaf erwacht. Bei einer Flasche Wein im Kerzenschein rückten das Draußen, die Kälte, der Sturm und mit ihm die Strapazen der letzten Wochen in weite Ferne.

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Der Morgen danach. Unvergesslich.

Als wir eine Stunde später die Schule verlassen, fühlt es sich an als hätte uns die Nacht verraten. Der Glanz des Vorabends ist wie weggefegt. Nur die Kopfschschmerzen sind noch übrig. Nach wie vor bläst ein eisiger Wind Sturm übers Land. Die anfängliche Freude darüber, dass mit dem Plumsklo auch sein ekliger Gestank eingefroren ist, verfliegt, als ich feststelle, dass dem Wasser in der Leitung das gleiche Schiksal wiederfahren ist. Nichts wie weg hier! Aber wie?

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Ein wirklich einladendes Örtchen, oder?

„Wo wollt ihr denn hin?“, fragt uns der Hausmeister als wir durch das wacklige Schultor treten. „Irgendwie zur Grenze“, murrt Ross. „Das sieht schlecht aus. Der Sturm dauert noch ein paar Tage. Niemand fährt in diese Richtung“, hören wir als Antwort auf eine Frage, die wir bewusst nicht gestellt hatten. Wir schlagen uns durch die eisige Brise bis in den Windschatten eines großen Hauses an der Hauptstraße. Radfahren unmöglich. Mit tauben Fingern beobachten wir die Straße. In der ersten Stunde passiert nichts. Dann entdeckt Ross einen Klotz am Horizont, der sich langsam in unsere Richtung bewegt. Irre wie weit man hier sehen kann. Es ist tatsächlich ein Bus. 15 Minuten später fährt er trotz deutlicher Mitfahrbekundungen an uns vorbei, um 300 Meter weiter abrupt anzuhalten. Atemlos erreiche ich den Bus, kriege aber kein Wort heraus. Ross trottet heran und übernimmt das Reden. Der Bus ist voll und Fahrräder werden ohnehin nicht mitgenommen. Mit hängenden Köpfen kehren wir zurück in unser Versteck hinter dem Haus. Die nächste Stunde über bleibt die Straße leer.

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Ein Blick verrät mehr als tausend Worte.

Rastlos und eher aus Langeweile als weniger, weil ich darin eine Lösung vermute, gehe ich los. An der zweiten Kreuzung sitzt ein Mann am Steuer eines grünen Pickup. Einem Impuls folgend klopfe ich an seine Scheibe, die er widerwillig herunter lässt. Ich frage, wie man von hier weg kommt. Für 2000 Bolivianos, ungefähr einem Montaslohn, bietet er seine Hilfe an. Reflexartig beginne ich zu feilschen. Absolut sinnlos, wenn man bedenkt, dass selbst ein 80%-Rabatt noch mehr wäre als wir dabei haben. Mein Blick bleibt an einem Plastikjesus hängen, der am Rückspiegel baumelt. Ich nicke zum Gruß, die Scheibe fährt hoch und ich gehe weiter. Wenige Augenblicke später schiebt sich der Pickup in Schrittgeschwindigkeit an mir vorbei. Der Mann deutet auf den Beifahrersitz. Ich steige ein. „Dort hinten habe ich vorhin einen Gringojeep gesehen, vielleicht können die helfen“, sagt er. Während ich noch mit mir ausknobele, ob das eine Schnapsidee oder eine Chance ist, rollen wir bereits los. Bereits eine Straße weiter bleiben wir hinter einem großen silbernen Jeep mit US-Nummernschild stehen. Immerhin Colorado und nicht Texas, murmle ich in den Wind. Ich hatte mich damit abgefunden ein Gringo, also ein Ausländer, zu sein. Die Nordamerikaner gelten jedoch als Urväter aller Gringos, Gringo-Rohmaterial sozusagen. Im dichten Dschungel meiner Vorurteile suche ich nach Argumenten, warum die Insassen uns eigentlich helfen sollten. Nichts kommt.

Wie hatte ich es eigentlich angestellt, wildfremde Bootsbesitzer davon zu überzeugen mich – einen vollkommen unerfahrenen Fremden – mit über den Atlaktik zu nehmen? Eines war sicher: Wenn ich nicht daran glaubte, würde es auch kein anderer tun. Sicher, die Umstände könnten besser sein. An meinem desolaten Äußeren lässt sich gerade nichts ändern, bleibt nur auf Mitleid oder Faszination zu setzen. Hoffentlich funken mir meine pupstrockenen Nasenschleimhäute nicht wieder dazwischen. Es gibt viele Möglichkeiten das Eis zu brechen. Nasenbluten gehört meines Wissens nicht dazu. Ich umrunde das Auto und winke. Die Seitentür öffnet sich, ein junges Pärchen sitzt darin und frühstückt. „Komm rein, wir brauchen keinen Sand im Müsli“. Sie trägt einen Filzhut und darunter ein spitzbübiges Lächeln, während er mich mit zwei tiefbraunen Augen mustert, die in einem von Sommersprossen dominierten Gesicht vergraben liegen. Ohne Umschweife erzähle ich von unserer Situation und frage, ob die beiden eine Idee haben. Sie schauen mich an. Dann schauen sie einander an. Ohne weitere Fragen zu stellen und ohne Ross überhaupt gesehen zu haben sagt der Filzbub: „Kommt doch mit uns. Wir packen die Räder aufs Dach und übermorgen seid ihr in San Pedro“. Hoppla, hatte der Wind mir etwa eine akustische Fata Morgana ins Ohr geflüstert? Zweimal in 24 Stunden hatte ich die Flinte ins Korn geschmissen und wurde beide Male eines Besseren belehrt. Und dann auch noch von Gringo-Gringos. Wie oft sollte das noch passieren bis ich endlich wieder zum Optimismus zurückfand?

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Unser Fluchtwagen zu einem kamerafreundlicheren Zeitpunkt.

Der Jeep wirkt dem Zeitgeist entsprechend von außen viel größer als er dann von innen ist. Wir liegen im hinteren Teil auf einem fest eingebauten Bett zwischen unseren Taschen. Unsere Räder sind auf dem Dach. Erst im Laufe des Tages realisieren wir unser Glück. Eigentlich hatten wir die Lagunenroute längst abgeschrieben und wollten auf einem niedrigeren Pass nach Chile einreisen. Nun sind wir auf dem Weg in den Nationalpark auf über 5000m. Das ist mehr als man vom Schicksal erwarten darf. Charly und Josh entpuppen sich als herzensgute Menschen. Wie selbstverständlich versorgen uns die beiden mit Broten und Getränken. Während Charly den Jeep elegant über Waschbrettpiste, Sand und Schneeverwehungen bewegt, fragt sie was wir in San Pedro eigentlich wollen.

Ich erzähle von Muriel, einer Freundin, die dort wohnt. „Eine Freundin?“, fragte Charly irritiert, während sie sich auf die Lippe beißt, um im Allradmodus einen kurzen steilen Anstieg hochzufahren. „Sie hat mir vor 9 Jahren in Indien das Leben gerettet und ich will sie besuchen.“ Unsere Blicke treffen sich im Rückspiegel. Mit hochgezogenen Augenbrauen legt sie ein „Und?“ nach. Ich spüre, wie die ungeteilte Aufmerksamkeit von sechs Ohren auf mir liegt und lasse mich dazu hinreißen davon zu erzählen was vor 9 Jahren geschah.

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Perspektivenwechsel.

Indien im Spätsommer 2008. Ein interner Buchungsfehler hatte mir für den ersten Langstreckenflug meines Lebens einen Sitzplatz in der komfortablen Businessclass beschert. Hart war der Aufprall, als ich aus dem weichesten Nest der Welt (Deutschland) über einen luxuriösen Businessclass-Sessel direkt in den stickigen Mief Delhis fiel. In der Morgendämmerung nach dem Hotel suchend, stolperte ich in einer halb überschwemmten Straße über einen menschlichen Körper, der auf dem Bürgersteig schlief. Man hatte mir gesagt, dass während des Monsunregens nicht gerade die beste Reisezeit für Indien war. Vielleicht war das mein erster Fehler. Ich sammelte weitere – wie andere Leute Souvenirs. Ohne jedes Verhandlungsgeschick wurde ich schamlos ausgenommen und hatte, trotz immenser Vorkehrungen gegen eine Malariainfektion, am Ende einer schlaflosen ersten Nacht einen Mückenstich in der Mitte meiner Stirn. Delhi wirkte wie der fleischgewordene Mittelfinger der Welt und er zeigte unmissverständlich in meine Richtung. Ich war 23, zum ersten Mal alleine irgendwo, zum ersten Mal außerhalb Europas und vermutlich ziemlich naiv. Im Land der Götter, Yogis und Hallunken suchte ich zwischen Räucherstäbchen, Chai und Bollywood-Romantik nach einer mystischen Erfahrung, vielmehr aber nach etwas Bartwuchs. Der war seit Jahren überfällig und, so dachte ich bis dahin, das auffälligste Merkmal eines Abenteurers.

Man sagt, entweder Du liebst Indien oder Du hasst es. Ich sollte beides kennen lernen. Die Flucht nach vorne schien die einzige Alternative zu „nach Hause“ fahren und führte mich schnurstraks nach Dharamsala. Der Monsun hatte seine nasse Hand auch über die Ausläufer des Himalayas gelegt. Mal goss es aus Kübeln, mal hingen Bindfäden vom Himmel und manchmal, da regnete es einfach nur.

Ein kleines Zimmer, durch dessen vergittertes Klofenster ich direkt auf den Palast des Dalai-Lama schauen konnte, wurde mein Basislager. Von dort aus entdeckte ich Yogakurse, lernte Jonglieren, besuchte diverse Koch- und Massagekurse, kämpfte mit Affen, Kakerlaken und Blutegeln und landete schließlich in einem 6-tägigen Schweige-Meditationskurs. Dort traf ich Muriel. Sie war wohl das, was ich versuchte zu sein. Eine richtige Abenteurerin, seit einigen Jahren in der Welt unterwegs. Von verschiedenen Orten hatte sie Tätowierungen, Schmuck, Narben und mehr Geschichten parat als in einer Nacht am Lagerfeuer erzählt werden könnten. Ganz abgesehen davon sprach sie fließend Italiensich, Französisch, Spanisch, Englisch und zu meiner Rettung auch Deutsch, während ich mich regelmässig mit den Überresten meines Schulenglisch blamierte. Einen Bart hatte sie im übrigen auch nicht.

Ihr nächstes Ziel, ein magischer Ort namens Leh mitten im Himalaya, zog mich in seinen Bann und ich beschloss meinen Zufluchtsort zu verlassen. Dort oben, an der Grenze zu Kaschmir und Tibet, wo nur eine Hand von uralten Klosteranlagen im Nichts verstreut lagen, wollte ich die letzten Wochen meiner Reise verbringen. Über den höchsten Pass der Welt und über Straßen, die selbst aus heutigem Blickwinkel diese Bezeichnung zu unrecht trugen, ging es in einem klapprigen Bus auf die Hochebene Ladhak. Eher durch Zufall traf ich Muriel immer wieder. Gemeinsam fuhren wir auf einem mehrtägigen Ausflug zu einem See auf 4500m. Eine Fischerfamilie bot uns Obdach in ihrer Einsiedelei und alles deutete auf eine friedliche Nacht hin. 2 Stunden später war der Frieden dahin. Im 15-Minutentakt trieben mich die Eruptionen einer schweren Verdauungsstörung hinaus, wo ich unter dem unfassbar schönsten Sternenhimmel das eiskalte Plumsklo warmhielt. Als dann endlich die Sonne aufging war klar, dass für mich nur eine Richtung in Frage kam. Herunter. Auf 4500m Höhe sind Brech-Durchfall und die damit verbundene Dehydration das Letzte was man erlebt haben muss. Vor allem, wenn man grundsätzlich noch anderes erleben will. Auf der Fahrt zum weit und breit tiefsten Punkt in Leh, auf immer noch 3500 Metern, zwang ich den Fahrer  mehrmals zum Halt, um in der buschlosen Landschaft meine Notdurft zu verrichten. Für Scham fehlte ohnehin die Kraft. Endlich im Hostel, vergrub ich mich im Bett. In der Hoffnung, dass Ruhe und Elektrolyte den Schlamassel kurieren würden, vergingen zwei Tage. Als mich Muriel am dritten Tag besuchte, war selbst der Gang zum Klo noch ein atemraubender Kraftakt. Auf ihr Drängen hin humpelte ich von ihr und dem Herbergsvater gestützt ins nahegelegene Krankenhaus. Die letzten Meter waren die Hölle. Ich spürte wie das Glas Wasser, dass ich vor wenigen Minuten erst getrunken hatte, als warme stinkende Brühe an der Innenseite meines Beins herablief. Ich konnte nichts dagegen tun. Bis heute ist das der wahrscheinlich niederste Moment meiner bisherigen Existenz. So etwas schweißt zusammen. Die Ärztin sagte, es sei allerhöchste Eisenbahn gewesen und behielt mich für zwei Nächte, ein paar Infusionen und Antibiotika im Krankenhaus. Einen Tag vor meinem 24. Geburtstag wurde ich entlassen, zwei Wochen später kehrte ich zurück nach Wien.

Muriel hatte ich seitdem nur ein einziges Mal wieder gesehen, als sie mich zwei Jahre später in Wien besuchte. Bei der Verabschiedung am Busbahnhof sagte sie, dass man sich normalerweise dreimal im Leben begegne. Das war vor sieben Jahren. Seitdem hatten wir keinerlei Kontakt. Ich wusste nur, dass Sie nach Südamerika auswandern wollte. In Peru schrieb ich ihr. Es waren nur drei Zeilen: Du hast mir gesagt, dass man sich für gewöhnlich dreimal im Leben trifft. Wo bist Du? Ich glaube ich bin auf dem Weg dahin.

Und das war ich tatsächlich. 9 Jahre nachdem ich zum ersten Mal in Indien war, nur wenige Tage vor meinem 33ten Geburtstag und beinahe ein Jahr seit ich in Deutschland aufgebrochen war. Mittlerweile mit partiellem Bartwuchs. Ob man wohl sagen kann, dass alles nach Plan läuft? Vermutlich tut es das. Allerdings so gut wie nie nach meinem. Um ehrlich zu sein, geht auch einiges in die Hose, aber genauso oft läuft es sogar ein Stückchen besser als ich es mir hätte vorstellen können. Dann werden Momente zu Geschenken und das nimmermüde „Warum war ich unterwegs?“ findet an einem augenzwinkernden „Genau darum.“ seinen Meister.

Die gegenwärtige Situation könnte nicht bezeichnender sein. Entgegen aller mir bekannten Zweifel sitze ich mit zwei us-amerikanischen Bergsteigern im Auto, die uns ziemlich aus der Patsche geholfen haben. Und alles nur dank des verfluchten Sturms.

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Unsere Retter bei besserem Wetter.

Draußen tut sich was. Charly hatte gerade eben einen ungefähr knietiefen Bach durchfahren und steuert schnurstraks auf ein großes Felsmassiv zu, das einsam wie eine Insel im altiplänösen Nichts liegt. Fragend schaue ich Josh an, der als Kopilot den Reiseführer mimt: „Wilkommen in der steinernen Stadt“.

 

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