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Zum Geburtstag: Ein Vulkan.

Mit einem zzzzzzzzzzt öffne ich den Reisverschluss meines Zeltes und schaue in Tarzans dunkle Augen. Neben ihm drängen sich Chacho, Mariposa und Pepa ins Bild. Dahinter entdecke ich in der Morgendämmerung unsere Gastgeberin Muriel auf einem kleinen Schutthaufen, den Blick zum großen Vulkan gewandt, der San Pedro überragt. Sie hatte mir versprochen, die Sonne würde an meinem Geburtstag genau aus der Spitze des Vulkans schlüpfen. Heute also. Neugierig gehe ich rüber. Eingehüllt in einen dicken Wollpullover steht sie mit einer dampfenden Tasse in der linken Hand und Katze Yin in der anderen Hand neben mir. Gemeinsam blicken wir zur Vulkanspitze. Ein irrer Moment. Dann passiert es. Ein Kopfschütteln, dann ein Lächeln. Keine Ahnung wie sie das gemacht hat. Happy Birthday.

Vulkan

Wie versprochen…

San Pedro de Atacama – zweifelsohne ein eigenartiger Ort. Aber was bleibt ihm auch anderes übrig?! Oder wie stellst du dir eine Kleinstadt in einer der trockensten Wüsten des Planeten vor? Mancherorts fällt jahrelang kein Tropfen Regen. Ideale Vorraussetzungen, um Marsroboter zu testen, nächtens die Milchstraße zu besichtigen und mit dem Fahrrad zu fahren. Auf Weltenbummler, Pauschaltouristen, Rucksackreisende und Teilzeit-Aussteiger wirkt die Stadt wie ein Magnet. Man tummelt sich in hippen Cafés, guten Restaurants und an Geldautomaten. Letztere braucht man häufig, denn San Pedro ist aufgrund seiner Lage eine der teuersten Städte Südamerikas. Dummerweise sind die Banken all zu oft leer. Gibt es frisches Geld, belagern Menschenmassen die Bank so als würde dort der von den Toten auferstandene Steve Jobs persönlich Äpfel verkaufen.

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San Pedro deine Straßen.

Trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, verströmt die Stadt eine einzigartige Note. Diese entfaltet sich besonders stark in der Morgen- und Abenddämmerung. Dann ist es, als wären wir in der surrealen Kulisse einer trockengelegten Schneekugel gelandet. Selbstredend ohne Schnee. Erwähnte ich, dass es ein spezieller Ort ist?

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Von links: Mariposa, Tarzan, Philipp, Muriel, Chacho und Pepa.

„Eigentlich kein Wunder, dass Muriel hier lebt“, meint mein Reiseabschnittsgefährte Ross, während er unzählige weiße Hundehaare von seinem schwarzen T-Shirt pflückt. Seit unserer Ankunft tollt er wie der Wirbelwind mit den fünf Vierbeinern herum, mit denen Muriel sich ihr winziges Appartment teilt. Vor allem den Spieltrieb der hyperaktiven Mischlingshündin Mariposa, als auch die Zuneigungsbekundungen der betagten Boxerdame Pepa, bedient er souverrän. Mehrmals am Tag ruft er dog-o’clock aus und verschwindet in einem Haufen aus Körpern, Armen, Pfoten, Zungen und Haaren.

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It’s dog-o’clock.

So gemütlich San Pedro sich auch anfühlt, an einer Stelle hat die Schneekugel einen Riss. Durch ihn dringt ein Stück Realität herein. Tick-Tack-Tick-Tack… meine Zeit läuft. Nach einem Jahr auf Reisen stellt sich unweigerlich die Frage der Rückkehr nach Deutschland. Aktuell lauter als je zuvor. Ganz abgesehen davon, war es an der Zeit für einen klimatischen Tapetenwechsel. An Kälte und Kargheit hatte ich mich in den letzten Monaten sattgesehen. Leider liegt genau hierin das Problem. Der „Ausgang“ liegt auf einem knapp 5000 Meter hohen Pass und führt mitten durch den Kühlschrank des Altiplano. Besonders Ross ist davon wenig angetan, da er auf der Reise hierher seine Extrawolldecke verloren hat. Mit ungeahnter Kreativität versucht er dem Anstieg zu entkommen. Leider – trotz charmanter Bestechungsversuche an Bus- und LKWfahrern – ohne Erfolg.

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Unser Basislager vor Muriels Appartment.

Der letzte Morgen. Ein dunkler, feuchter Fleck ziert mein Außenzelt. „Ist ne Weile her, dass mir jemand an die Bude gepinkelt hat“, sage ich zu Ross, der sich mit fünf hartgekochten Eiern in Form isst. „Irre wie uns die Hunde ins Herz geschlossen haben“, meint er und tätschelt Tarzans Kopf. „Ja, total irre“, stelle ich fest. Muriel begleitet uns bis zur Stadtgrenze. Nun hatten wir uns in neun Jahren dreimal gesehen. Asien-Europa-Südamerika. Jetset in Zeitlupe. War es das nun?, frage ich mich selbst. „Wie wäre es denn mit Afrika oder Australien fürs nächste Mal?“, fragt sie bevor sie langsam in der Ferne verschwindet.

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Das Umland. Im Hintergrund der Aufstieg.

Während wir in Richtung Anstieg rollen, durchfahre ich noch einmal die vielen Passstraßen, die bis hierher meine Reifen kreuzten. Obwohl es schon so viele gab, hat der vor uns liegende Aufstieg eine Besonderheit. Die erste Rampe hinauf zu den Vulkanen verzichtet auf Kurven oder ähnliches. Ein dünner Streifen Asphalt zieht sich vom Tal aus hinauf. Unser Plan sieht vor, dass wir in drei Tagen die argentinische Grenze erreichen und in weiteren zwei Tagen dann endgültig vom Altiplano 3000Meter tief ins europäische Nordargentinien abfallen werden. „Dort wartet die Toskana Südamerikas auf uns“, höre ich Ross schwärmen.

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Mitten im Nichts, ein Ort zur Rast.

In den vielen abwechslungslosen Stunden, die diese Tage auf dem Rad mit sich bringen, beginne ich der monotonen Landschaft eine gewisse Ästhetik abzugewinnen. Wir fahren vorbei an Schneeverwehungen, die der Wind zu stromlinienförmigen Skulpturen geformt hat. Dahinter erstrecken sich endlose Weiten, deren in fahlen Beigetönen festgehaltene Eintönigkeit hin und wieder von zugefrorenen Lagunen und den mächtigen Vulkangipfeln aufgelockert wird.

Schön.

Schön.

Vier Tage später sind wir mehr oder weniger am Ende. Leider noch immer nicht am Ziel. Ross kämpft mit einer Erkältung und ich hätte nie gedacht, dass der Weg in die Toskana sich so zieht. „Heute geht es runter“, prognostiziert er beim morgendlichen Studium seiner Unterlagen. Drei Stunden später strampeln wir immer noch bergauf. Die sanfte Erhebung von 1000 Höhenmetern muss bei der Planung vom Tisch gefallen sein. Wir hatten tatsächlich einen Pass übersehen. Shit happens.

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Am Ende aber noch nicht da. Die unerwartete Auffahrt.

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Die Abfahrt ins vermeintliche Glück.

Was dann folgt, kann durchaus als feuchter Traum eines Radfahrers bezeichnet werden. Über zig Serpentinen windet sich die Straße herab. Im Sturzflug geht es herunter. Erste Vorboten von Lebendigkeit sind Kakteen, welche die Marslandschaft aufbrechen, dann folgen richtige Bäume und sogar ein kleiner Wasserfall. Das klingt wenig spektakulär, aber man kann sich gar nicht vorstellen wie gut diese Lebendigkeit nach Wochen der Dürre tut. Um uns herum hat die Welt wieder Lust am Leben gefunden und wir machen einfach mit.

Mein erster Baum.

Mein erster Baum.

Euphorisch halten wir im ersten Dorf und können kaum fassen wie leicht man sich bewegen kann, wenn man statt unzähliger Schichten nur ein T-Shirt trägt. Der Schalter kippt wie von selbst um und Urlaubsstimmung kommt auf. Ein älterer, argentinischer Tourist mit Cowboyhut spricht uns an. Mit einer ausladenden Geste heißt er uns willkommen im Land der Genießer. „Wir sind wie die Italiener, nur besser. Vor allem im Fussball“, sagt er. Asado (Rindfleisch vom Grill), Vino (Wein), Tango (Tanz/Musik) und Mate (Tee) preist er an als hätte die Welt kaum mehr zu bieten. Er reicht mir seine Visitenkarte und lädt uns in sein 3000 Kilometer entferntes Zuhause ein. „Prima, dann sehen wir uns in zwei bis drei Monaten“, sage ich zum Abschied. Kurz weht ihm der Ausdruck von Irritation durchs Gesicht, den er mit einem Griff zum Hutsaum beiseite schiebt und sich unter die Touristen mischt. Wie wir später erleben werden, hatte der Mann uns eine gute Zusammenfassung der argentinischen Kultur gegeben. Wir sind auf der anderen Seite und das süße Leben beginnt. Dachten wir zumindest.

Gewinner.

Gewinner.